Auf der letzten Pugwash-Konferenz in den USA, an der Wissenschaftler und Politiker aus aller Welt teilnahmen, wurde die Gründung eines gewaltigen „Intercontinental Science Center“ vorgeschlagen, dessen Laboratorien und Versuchsapparaturen den Forschern aller Nationen und Blöcke offenstehen sollten. Obwohl der Name „Berlin“ bei dieser Gelegenheit offiziell nicht fiel, haben die Verfasser der von allen Teilnehmern angenommenen Entschließung ziemlich deutlich auf diesen neuralgischen Punkt der Weltpolitik gezielt, als sie formulierten: „Es könnte außerordentlich große Bedeutung für die Verbesserung der gegenwärtigen politischen Lage haben, wenn ... die Frage, wo ein solches Sinnbid wissenschaftlicher Forschung entstehen sollte, klug überlegt würde.“

Aus den Bemerkungen der inzwischen von der Konferenz in ihre Heimat zurückgekehrten Teilnehmer (Professor Joseph Rotblat und Philip Noel-Baker) geht nun mit aller Deutlichkeit hervor, daß Berlin gemeint war. Immer wieder wurde in den Gesprächen „am Rande der Konferenz“ (solche Unterhaltungen sind ja meist das Wichtigste bei einem internationalen Kongreß) darauf hingewiesen, wie sehr die frühere deutsche Reichshauptstadt nicht nur durch ihre geographische Lage, sondern auch durch ihre große naturwissenschaftliche Tradition für eine solche Aufgabe geradezu prädestiniert wäre.

In Berlin-Dahlem fand Otto Hahn unter Mitarbeit von Meitner und Straßmann Ende 1938 die ersten experimentellen Beweise für den Zerfall von Atomkernen. Hier könnte nun in einem Jahrzehnt das „Otto-Hahn-Institut für internationale Kernforschung“ stehen, eine von den Atomforschern heute schon für unbedingt notwendig erachtete Kern-Zertrümmerungsanlage, die noch hundertmal stärker wäre als die Anlagen von CERN in Genf. An diesem Genfer Projekt sind bereits mehrere europäische Nationen beteiligt. Kein einzelnes Land kann sich derart hohe Investitionen für wissenschaftliche Projekte leisten. Aber auch die vereinten Kräfte Europas reichen nicht mehr aus, um die für weitere „Durchbrüche“ ins Innerste der Materie notwendigen gigantischen Apparaturen zu finanzieren. Deshalb wird früher oder später ein globales Kernforschungsinstitut notwendig werden. Auf der Pugwash-Konferenz wurde eine Summe von fünf Milliarden Dollar als möglicher Preis für den Bau eines solchen „Weltforschungs-Zentrums“ angegeben.

Fast noch dringender als auf dem Gebiete der Kernforschung erscheint die Zusammenfassung aller Kräfte auf dem Gebiete der Biologie. Hier steht die Menschheit an der Schwelle ihrer vielleicht größten und folgenreichsten Entdeckung, dem Vordringen zu den verborgensten Quellen des Lebens. Sollte wirklich, wie besonders Leo Szilard es auf der Pugwash-Konferenz vorschlug, in Berlin das erste internationale Laboratorium für Zellforschung entstehen, dann dürfte man in einigen Jahren bereits ähnliche, unser Weltbild tief verändernde und bereichernde Resultate erwarten, wie damals in Hahns Laboratorium.

Am allerwichtigsten aber scheint es, daß irgendwo auf der Erde ein Platz geschaffen wird, wo Forscher verschiedener Nationalitäten, verschiedener Ideologien und verschiedener Spezialgebiete jederzeit ohne Einberufung besonderer Kongresse ständig miteinander sprechen können, einen Ort, in dem die Worte „Geistige Freiheit“ groß geschrieben werden und jeder denkende Mensch ohne Furcht vor Dunkelmännern oder Dogmatikern sich zum nie endenden Gespräch über die Wahrheit stellen könnte. Die Wissenschaft ist heute an einem Punkt angelangt, da „alles Getrennte sich wieder vereint“. Längst haben die führenden Geister erkannt, daß die alten Facheinteilungen, nach denen unsere Universitäten aufgebaut sind, nicht mehr genügen. Mehr und mehr entstehen an den sich überschneidenden Grenzgebieten von Biologie, Chemie, Physik, Psychologie, Soziologie, Pilosophie und bis hinein in die Theologie und Jurisprudenz Probleme, die nicht mehr von einer Fakultät gelöst werden können. Hier ist Zusammenarbeit mit großer Sicht notwendig, hier entsteht ein neuer Typ des Forschers, den die Engländer bereits den „hybriden Wissenschaftler“ nennen oder in etwas populärer Form den „straddler“, der mit dem rechten Bein in dem einen Wissensgebiet steht und mit dem linker, in einem anderen.

Würde Berlin, das „wache Berlin“, mit seinem herrlichen, den Geist anregenden Klima zur Welthauptstadt der Wissenschaft, so könnte das über die Zusammenarbeit der Völker und Ideologien hinaus zu einem neuen Typ universalwissenschaftlichen Forschung führen, deren Resultate und geistige Konsequenzen die heutige Zweiteilung der Welt vielleicht überwinden würden.