Die GAS bläst zum entscheidenden Angriff

Paris, im Oktober

Wie weiland Archimedes zeichnet de Gaulle seine politischen Parabeln in den Sand, und alle Anzeichen sprechen dafür, daß auch diese Kreise von den Stiefeln der Soldaten und Revolutionäre gestört werden: Die Entwicklung in Algerien entzieht sich nachgerade jeder vernünftigen Beeinflussung, denn es scheint, daß sie den eigenen Gesetzen des radikalen Terrors folgt. Nach sieben Jahren Krieg ist die militärische Lage verworrener denn je und die politische Situation völlig dunkel.

So, als läge hier eine Gesetzmäßigkeit vor, scheiterten alle bisherigen Friedensbemühungen an der Tatsache, daß die französischen Zugeständnisse stets um eine Phase hinter den Forderungen der algerischen Nationalisten herhinkten. Der Verzicht auf Positionen, die gestern die Einigung verhinderten, bleibt heute ohne Erfolg, weil sich die Ansprüche des mißtrauischen FLN inzwischen verhärtet haben. Bei den Verhandlungen von Lugrin hat man sich über die Souveränität in der Sahara nicht einigen können. Kaum ist seit der Pressekonferenz de Gaulles von Anfang September die Schwierigkeit ausgeräumt und folglich eine Verständigung mit dem FLN zu erwarten, da taucht ein neues Hindernis auf, das sich diesmal auch dem Einfluß der algerischen Nationalisten entzieht: die Erfolge der Organisation der Geheim-Armee (OAS).

Die OAS ist heute so wenig geheim, daß sie durch ihren Einfluß auf die europäische Bevölkerung Algeriens die französische Regierung als Verhandlungspartner für den FLN beinahe desavouiert. Und tatsächlich hat Paris die Kontrolle über die Entwicklung in Algerien bereits so stark verloren, daß der FLN allen Grund hat, den Wert von nunmehr zu treffenden Abmachungen zu bezweifeln. Die Macht und der politische Wille des französischen Staatspräsidenten versickern auf ihrem Wege zwischen dem Elysée in Paris und dem Rocher Noire in Algerien, wohin sich die französische Administration (50 Kilometer südlich von Algier) bereits abgesetzt hat.

Es wird natürlich offiziell niemals zugegeben werden, aber die OAS ist heute zu einem dritten Verhandlungspartner geworden, über dessen Auffassungen sich Ministerpräsident Debré ebenso informieren läßt, wie andere französische Politiker (und seien es selbst oppositionelle) oder die provisorische algerische Regierung in Tunis. Zwar wird das vom Ex-General Salan als dem Führer der OAS gemachte Angebot an die französische Nationalversammlung, den Krieg und die Zukunft Algeriens den europäischen Siedlern zu überlassen, als Wahnsinn betrachtet, aber es steht zur Diskussion; Ja, das Angebot spielt sogar eine gewisse Rolle in den Bestrebungen Debrés, die algerische Frage auf dem Wege der Bevölkerungs-Umgruppierung zu „lösen“; ein Verfahren allerdings, das den Experten allgemein, bloß zur Verschleppung des kriegerischen Konfliktes geeignet erscheint.

Wettlauf mit der Uhr