Th. v. R., Hamburg

Ich brauche dringend ein galaktosefreies Nährpräparat aus Amerika. Die Apotheke kann es nicht beschaffen, sie hat Schwierigkeiten mit der Einfuhr. Es geht um ein Menschenleben. Können sie mir helfen?“ so fragte der Chefarzt einer Hamburger Kinderklinik beim amerikanischen Generalkonsulat an.

„Können Sie uns helfen?“ gab das Konsulat die Bitte an die Lufthansa weiter. „Hamburg braucht unverzüglich Nutramigen“ – tickte der Fernschreiber in New York.

Einige Stunden später kam die Antwort: „Nutramigen in Brüssel. Wird von Sabena eingeflogen“. Kurz darauf konnte eine Krankenschwester das Präparat am Flughafen in Empfang nehmen.

Das geschah im Frühsommer. Ein Neugeborenes war wegen Gelbsucht und Gewichtsabnahme in das Kinderkrankenhaus: eingeliefert worden. In der Klinik wurde Zucker im Urin festgestellt, und bei näherer Untersuchung ergab sich, daß es Milchzucker, Galaktose, war.

Ein großes Glück für die kleine Patientin: Man hatte früh genug eine angeborene Stoffwechselkrankheit bei ihr erkannt. Noch war es Zeit, sie vor Verblödung und Siechtum zu schützen, die mit Sicherheit eintreten, wenn die mit der Milch aufgenommene Galaktose nicht, wie im gesunden Organismus, in Triose-Moleküle aufgespalten werden kann. Galaktosämie nennt der Mediziner diese ererbte Unfähigkeit des Stoffwechselapparates, den chemischen Umwandlungsprozeß zu vollziehen. Galaktose aber, die unabgebaut im Körper verbleibt, zerstört die Hirnzellen.

Verhüten läßt sich dieser Prozeß nur, wenn keine Milch oder andere galaktosehaltige Nahrung aufgenommen wird. Aber zur Zeit gibt es in Deutschland noch kein galaktosefreies Nährpräparat. Man muß es aus dem Ausland beziehen. Das aber scheitert an der Einfuhrgenehmigung, um die sich die Internationale Apotheke in Hamburg bisher vergeblich bemüht hat.