Als die Vereinten Nationen nach dem Kriege ihre Arbeit aufnahmen, hatten sie ihren Sitz am Lake Success. Seit einer Reihe von Jahren residieren sie in ihrer gläsernen New Yorker Wolkenkratzer-Schachtel am East River. Vom "See des Erfolgs" an den "Fluß des Ostens" – beschreibt dieser geographische Standortwechsel etwa auch die politische Richtungsveränderung der UN in den vergangenen Jahren?

Diese Ansicht ist oft zu hören, aber sie ist falsch. Gewiß hat der Westen seine anfangs sichere Mehrheit in der Vollversammlung verloren, seitdem sich die Mitgliederzahl der UN fast verdoppelt hat. Die Einbuße des Westens bedeutet jedoch keineswegs einen automatischen Gewinn für den Osten. Die eigentlichen Gewinner der Entwicklung sind die bündnisfreien Staaten‚ die heute den stärksten Block bilden, und das Generalsekretariat, dem unter Hammarskjölds Leitung an Gewicht und Handlungsfähigkeit zugewachsen ist, was den Großmächten an Einfluß entglitten war.

Hammarskjöld hatte es verstanden, die Aspirationen und Interessen der kleineren Mächte zugunsten der Vereinten Nationen zu mobilisieren und die UN auf diese Weise zu einer eigenständigen Kraft in der Weltpolitik werden zu lassen – keiner Großmacht, verglichen mit den beiden Giganten, doch einer Macht mit eigener Politik und eigenem Willen. Der Schwede, so wurde während der Kongo-Krise von ihm gesagt, empfand und handelte in der Tat als "Weltaußenminister"; er setzte seine Truppen und seine Berater in wahrhaft internationalem, ja supranationalem Sinn ein.

Nicht daß er sich einbildete, er könne auf diese Art Konflikte zwischen den Großmächten regeln. Er wußte: Was die Großmächte anlangte, so blieb ihm nur das Mittel der Überredung, des stillen diplomatischen Wirkens; die UN konnte nur eine Plattform für Gespräche anbieten, aber keine Lösungen. Wo die direkten Sicherheitsinteressen der Großmächte betroffen sind, wie jetzt etwa in Berlin oder früher in Ungarn und Kuba, vermag die Weltorganisation so gut wie nichts; dazu ist sie konstitutionell unfähig, weil die Charta den Großen im Sicherheitsrat das Veto einräumt.

Indessen sah Hammarskjöld, daß sich das Feld ständig vergrößerte, in dem keine direkten Sicherheitsinteressen der Großmächte auf dem Spiel standen. In diesem Feld, das den weiten Raum der vom Kolonialismus befreiten neuen Nationen Asiens und Afrikas umfaßt, wollte er die UN als friedensbewahrende oder friedensstiftende Kraft einschalten. Hier wollte er handeln, wie er einmal sagte, "weil ein Vakuum entstanden ist". Die stabilisierende Kraft der Weltorganisation sollte in dieses Vakuum einfließen, nicht die verderbliche Leidenschaft des Ost-West-Konfliktes. So faßte Hammarskjöld die Vereinten Nationen vor allen Dingen als eine Genossenschaft der Kleinstaaten auf – als eine Vereinigung, die deren Querelen ohne Einmischung der Großmächte und ohne Belastung durch ideologische Gegensätze regeln sollte. Und so wurde die UN unter seiner Ägide zu weit mehr als einer von den Großen Fünf beherrschten Versammlung der Völker.

Wohl waren die Vereinten Nationen ursprünglich als Fünfmächtekonzert konzipiert. Man könnte zuspitzend sogar sagen: als Zweierkonzert, als Direktorat der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Dieses Konzept der Vereinten Nationen, wenn es funktionieren sollte, setzte freilich Übereinstimmung zwischen den beiden Supermächten voraus. Die UN konnten diese Übereinstimmung nicht schaffen. Da sie sich nicht von selbst einstellte, blieb die friedensbewahrende und friedensstiftende Kraft der Weltorganisation zunächst ein frommer Wunsch. Die UN konnte im Schatten des Kalten Krieges keine Friedensinitiative ergreifen, wenn nicht alle Großmächte entweder zustimmten oder wenigstens kein Veto einlegten. Der erste Fall, in dem die Vereinten Nationen mit bewaffneten Streitkräften eingriffen, Korea, war kaum mehr als das Ergebnis eines exzentrischen Zufalls: die Sowjetunion war im Sicherheitsrat – den sie aus anderen Gründen boykottierte – in der entscheidenden Sitzung nicht vertreten.

Dennoch ist die UN auch in den ersten Nachkriegsjahren nicht zu völliger Untätigkeit verdammt gewesen. An drei kritischen Stellen sammelte sie wertvolle Erfahrung in der Untersuchung, Beobachtung und Eindämmung von Konfliktsherden: