Wenn man einigen Sensationsmeldungen der letzten Tage glauben will, dann ist die Bundesregierung, wenige Wochen nach der Bundestagswahl, hartgesotten genug, ohne ersichtlichen Grund dem Bürger den Brotkorb, in Gestalt einer Preiserhöhung, höherzuhängen. Wahrscheinlich würde von diesem ganzen Vorgang auch nicht viel Aufhebens gemacht, wenn der Staat dabei nicht wieder seine Hand im Spiele hätte; denn es handelt sich nur um Bruchteile von Pfennigbeträgen.

Geschehen ist folgendes: Angesichts der Überkapazität im westdeutschen Müllereigewerbe wurde vor mehreren Jahren mit Zustimmung des Bundestages den Mühlen erlaubt, ein Kartell zu bilden, das für den Mehlverkauf an Bäckereien und Brotindustrie vom Bundeskartellamt genehmigte Höchstpreise festsetzen darf. Gewissermaßen als Gegenleistung wurde das Mühlenkartell verpflichtet, einen Abbau der überflüssigen Müllerei-Kapazitäten sicherzustellen. Seit langem schon hatte, das Mühlenkartell beim Kartellamt eine Heraufsetzung der Höchstpreise beantragt, weil insbesondere die kleinen Mühlen damit nicht mehr zurechtkamen. Da aber große Mühlen gelegentlich auch unter den Kartellhöchstpreisen verkauften – wenn auch meist nur an Großabnehmer –, hatte das Bundeskartellamt zunächst eine betriebswirtschaftliche Untersuchung im Mühlengewerbe verfügt. Diese ergab eindeutig die Notwendigkeit einer Anhebung der Höchstpreise, und zwar um 1,10 bis 1,30 DM pro Doppelzentner, je nach Verbrauchsgebiet. Bei den helleren Mehlsorten wird der Preis sogar noch um eine weitere Deutsche Mark je Doppelzentner angehoben.

Auf das Kilo Brot umgerechnet – und das ist letztlich das entscheidende – macht diese Anhebung des Mehlpreises allein jedoch nur 0,7 Dpfg. aus. Würde die Mehlpreiserhöhung also voll weitergegeben werden, müßte. das normale 3-Pfund-Graubrot künftig um 1 Dpfg. teurer werden, einen Betrag also, über den die deutschen Hausfrauen seit langem – leider spielend – hinwegzugehen pflegen.

Es ist aber noch gar nicht gesagt, daß die höheren Mehlpreise auch wirklich in den Graubrotpreis eingehen werden. Bäckereien und Brotindustrie haben beim Verkauf von Schnittbrot und Feingebäck genügend Ausweichmöglichkeiten, um das Normalbrot beim alten Preis zu belassen, wenn sie die Mehrkosten des Mehles schon nicht auffangen wollen oder können.

Nicht anders sieht es mit dem Brötchenpreis aus, wenn man berücksichtigt, daß 20 Brötchen ein Gewicht von 1 kg haben und sich der Kilopreis bei konsequenter Weitergabe der Mehlpreiserhöhung um 1,4 Dpfg. erhöhen wird.

Leider wissen wir jedoch aus der Vergangenheit, daß Handel und Gewerbe bei der Erhöhung eines staatlich beeinflußten Preises für ein Produkt, das sie verwenden oder weiterverkaufen, gern die Gelegenheit beim Schopfe fassen, um ihre eigenen Preisvorstellungen zu korrigieren. Diese Gefahr besteht leider auch in diesem Falle, wenn man den Verlautbarungen aus dem Bäckerhandwerk folgt.

Die Bäcker argumentieren dabei vielfach mit der zum 1. Januar nächsten Jahres entstehenden Lohnerhöhung, die zusammen mit der gleichzeitigen Arbeitszeitverkürzung ihre Lohnkosten um etwa 8 vH ansteigen lassen wird. Allerdings haben Hamburger Bäcker bereits gezeigt – so wurde uns jedenfalls im Bundesernährungsministerium versichert –, daß diese Lohnerhöhung. nicht unbedingt auf Brot und Brötchen aufgeschlagen werden muß. In Hamburg befindet sich der neue Lohntarif nämlich schon seit längerer Zeit in Kraft, ohne daß sich deswegen Brot- und Brötchenpreise geändert hätten. Sollten also in den nächsten Tagen Brot- und Brötchenpreise trotzdem steigen, so ist die Bundesregierung jedenfalls daran nicht schuld.

Anders wird der Sachverhalt jedoch dann, wenn die Bundesregierung auch ihrerseits endgültig dazu übergehen sollte, das in den Vorratsstellen lagernde Brotgetreide nur noch zu Höchstpreisen (statt wie bisher zu Mindestpreisen) abzugeben, um auf diese Weise der Landwirtschaft eine Erlösaufbesserung zukommen zu lassen. Die Mühlen haben bereits erklärt, daß die ihnen jetzt zugestandene Mehlpreiserhöhung dann bereits als überholt zu gelten hätte. Wenn die Regierung von Handel und Gewerbe ein Auffangen von Kostenerhöhungen verlangt, sollte sie alle zusätzlichen Manipulationen unterlassen, die das erschweren. H. Sch.