Der Gesprächsstoff ist also selbst unter Freunden beschränkt; es gibt zu viele Themen, die tabu sind. Man wird von Nachbarn belauscht, und schon gar nicht darf man am Telephon frei sprechen. Selbst die Sendungen des Fernsehens sind aus dem allgemeinen Gesprächsstoff verbannt. Fernsehen ist hier nur ein Symbol für den gesellschaftlichen Rang; indes hat man kaum noch Lust, über das Programm auch nur zu klagen. Da müssen sich Fabrikarbeiter und Bauern auf dem Bildschirm das Leben in Fabriken und Bauernhöfen ansehen; und mag das russische Ballett noch so gut sein – man wird es leid, immer dasselbe zu sehen.

Die Jahre des Krieges waren die schlimmsten. Als die deutschen Heere im Herbst 1941 vor Moskaus Toren standen, entschieden wir uns dafür, in der Stadt zu bleiben. Die Aussicht, bei der Umsiedlung umzukommen, erschien uns nicht weniger groß, als wenn wir blieben.

Einige Wochen regierte Panik die Stadt. Läden und Kaufhäuser würden geplündert. Alle öffentlichen Dienste brachen zusammen. Es gab kaum Lebensmittel, Elektrizität oder Feuerung. Dann, als die russischen Heere die deutschen zurückdrängten, besserte sich langsam die katastrophale Ernährungslage. Die Pferde der Deutschen lagen gefroren unter dem gleichen Eiseshauch, der ihre Heere zum Stehen gebracht hatte. Den sowjetischen Stoßtrupps folgte die Bevölkerung, um sich die Pferde zu holen, und viele Wochen lang hatten wir saftige Steaks.

Sobald der Krieg vorüber war, gelang es uns, Moskau zu verlassen und nach Estland zu gehen. Wir wußten, daß es in Lebensweise und Lebensstandard viel westlicher war als das eigentliche Rußland. Die Landwirtschaft dort produzierte reichlich, es gab genug zu essen, und die Führung eines Haushaltes war weniger schwierig.

In Tallin (das einst als Hauptstadt Reval hieß) fanden wir ein kleines zerbombtes Haus. Als Fabrikdirektor konnte mein Mann Arbeitskräfte und Material beschaffen, um diese Ruine in ein gemütliches Heim zu verwandeln. Wir hatten zwei Räume, eine Küche und ein Badezimmer für uns. Verglichen mit irgendeiner der vielen Stätten, die wir in Moskau unser Zuhause genannt hatten, lebten wir nunmehr im Luxus.

Unsere nächste große Errungenschaft war ein Auto, eines der ersten Moskowitsch-Modelle, die nach Tallin kamen. So waren wir gegen Ende 1946 nach Art der „neuen Klasse“ sowjetischer Beamter eingerichtet – aber der Gedanke ist abwegig, das sowjetische Leben sei wenigstens auf diesem Niveau leicht. Die Sorgen bleiben.

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