Von Rochus Spiecker

Die Magier der Sprache – ob mystisch oder weltverschworen – zeigen oft einen merkwürdigen Hang zur Bibel. Man braucht nicht gleich an Faulkner zu denken, der provokatorisch erklärt: „Ich lese nur Shakespeare und die Bibel!“ Von Thomas Manns Josef-Roman bis zu Anouilhs „Judith“ erstreckt sich die buntgewürfelte Karawane.

Aber viel merkwürdiger als diese offenkundigen Streifzüge sind die Fermente biblischer Themen und Stilformen, die verkappt auftauchen. Vor allem, wenn sie ins Negative gespiegelt, ins Gegenteil verkehrt, nur noch durch eine untergründige Haß-Liebe die geheime Verwandtschaft verraten. Wem fällt schon auf – um einen extremen Bogen zu spannen! –, daß Bertolt Brechts wildes Aufruhrlied der „Seeräuber-Jenny“ in seinen drei Strophen den Aufbau des „Magnificat“ wiederholt? (Ich bin klein. Aber ich werde bedeutend, werde erhöht zur Macht. Und ich werde richten!) – Zwischen den extremen Polen gibt es viele Grade der Anziehung: von der scheuen, spröden Liebe, die sich selbst nicht wahrhaben will, bis zum Haß, der nicht loskommt.

Die Frage, die uns hier beschäftigt, ist nicht eine Frage der Konfession, nicht des erklärten Glaubens. Denn der Einfluß der Bibel ist breiter gestreut. Interessant sind die Spuren biblischer, vor allem neutestamentlicher Probleme und Stilformen, die sich an den Kindern der jüngsten Muse, der Filmkunst, zeigen. Wieweit Autor oder Regisseur sich bewußt vom Urbild inspirieren ließen, kann hier ausgespart bleiben.

Vielleicht sind für unsere Perspektive gerade diejenigen Filme besonders interessant, in die sich biblische Elemente „wie der Dieb in der Nacht“ eingeschlichen haben. Wer kein Etikett braucht, um auf den Geschmack zu kommen, wird auch in Filmen, die sich nicht religiös geben, plötzlich die unterirdischen Quellen vernehmen. Bald deutlicher. Bald versteckter. – Die biblischen Monster-Filme aber sollen hier unberücksichtigt bleiben, zumal sie – so paradox es klingt – wenig dazu beitragen, den Geist und die innere Dramatik der Bibel zu beleuchten.

Wenn man durch die skurrile Märchenverkleidung von Cocteaus „La Belle et la Bête“ hindurchschaut, trifft man auf ein Erlösungsthema. Die Bestie kann nur in den Menschen zurückverwandelt werden, wenn sie von einem reinen Geschöpf geliebt wird. Und so spannt sich der Bogen der Handlung vom Abscheu des Mädchens über die Barmherzigkeit bis zur befreienden Liebe. Auch der Film „Rocco und seine Brüder“ von Visconti ist – bewußt oder unbewußt – von christlichen Elementen durchsetzt. Hier geht es um die schlichte, unermüdliche Sorge des Bruders um den Bruder, der sich selbst zum Verhängnis wird. Rocco läßt sich weder durch Verachtung, noch durch Spott, noch durch Gemeinheit von seiner Fährte abbringen. Er will dem Verirrten, koste es, was es wolle, immer noch eine letzte Chance geben, sich selbst zu fangen.

René Clairs Film „Die Mausefalle“ wirkt wie ein heimlicher Kommentar zur Bergpredigt. Ein alter Mann versteckt in seiner Hütte einen verfolgten Gangster. Zum Dank drangsaliert ihn der Verbrecher, verletzt ihn durch sein. arrogantes Gebaren. Aber der Alte läßt sich nicht einschüchtern und versucht, den Verkommenen, solange es nur eben geht, durch Güte zu gewinnen. Erst als er erkennt, daß er das gemeingefährliche Wesen des Gangsters nicht zu ändern vermag, wird er notgedrungen zum Richter. Sogar ein Film wie „Ladykillers“ lebt unter der rauhen, makabren Schale von dem Gedanken, daß die gradherzige Einfalt – hier durch das alte Weiblein verkörpert – der borstigen Ganovenschlauheit zum Gericht wird. Ähnlich ist die Grundidee von „Zazie“: nur daß hier das Kind – in Gestalt des enfant terrible – zum „Urteil“ über die verlogene Welt der Erwachsenen wird.