Eine „Naturgeschichte der Hexe“ nennt sich im Untertitel bescheiden ein Buch von

Jürgen Dahl: „Nachtfrauen und Galsterweiber“; Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München; 95 S., 5,80 DM,

das auf seinem knappen Raum in musterhaft einfacher, doch nirgend simplifizierter Weise erklärt, was es mit den Hexen auf sich hat – und zugleich: was ein handliches Sachbuch im populären Stil sein kann.

Jeder Satz, der die religiösen, folkloristischen oder psychologischen Erklärungen zum Hexenwesen gibt, der erläutert, was eine Hexe war und wieso ihre Zeit verging, ist verständlich, belegbar und außerdem noch farbig. Da werden Märchenhexen so gut wie Teufelsbuhlen und weise Frauen beschrieben, und trotz der schulbuchknappen Darstellung der mittelalterlichen Hexenverfolgungen bleibt sie sachlich, verirrt sich nicht in metaphysische Theorien und vermeidet nachträgliche Beschuldigungen.

Dahl will nur beschreiben, seinen Hexen-Zettelkasten leeren; er will am Hexenwesen nicht illustrieren, wie gerecht und weise unsere Zeit ist. Eine Fülle von absonderlichen, komischen und schrecklichen Zitaten unterstützt diese Absicht.

Doch gerade durch dieses Understatement, durch das nüchterne Beharren auf der bloßen Beschreibung eines historischen Tatbestandes wird der Hexenwahn zum Muster der Massenhysterie Die Zeugnisse des Aberglaubens und der Grausamkeit lassen die Distanz zwischen Mittelalter und Gegenwart „wie durch Hexerei“ schrumpfen. Leichtgläubigkeit und lüsterne Bereitschaft, mit gruseligen Geheimnissen zu leben, haben nur ihre Gegenstände gewechselt.

Diese Kapitel über Schwarze Messen, Hexenproben, Blocksbergvisionen bringen somit eine vordergründige interessante kulturhistorische Belehrung, die auf höchst hintergründige Weise an die Relativität der Zeit und an die Konstanz menschlicher Eigenschaften erinnert.

Sybil Gräfin Schönfeldt