Hans Gresmann: Verraten und verkauft?“, und Paul Sethe: „Das Ende einer Epoche“, ZEIT Nr. 40

In Ihren beiden Artikeln wird so nachdrücklich vor Illusionen gewarnt, aber leider wird uns dafür ein ganzes Bündel neuer Illusionen empfohlen. Zum Teil handelt es sich dabei um solche, die sich anscheinend die Amerikaner machen. Wenn, das so ist, so stellt das freilich eine Realität dar, mit der wir rechnen, die wir aber keineswegs „akzeptieren“ müssen. Es wäre dann Aufgabe der deutschen Politik, Amerika nachdrücklich vor solchen Illusionen zu warnen. Es bleibt für mich eine seltsame Vorstellung von einem Bündnis, daß der eine Partner die Entscheidungen in erhabener Einsamkeit trifft.

Es geht bei diesen Fragen auch keineswegs um deutsche Belange allein. Wenn fünf in einem Boot sitzen, so ist es ein schwacher Trost für einen von ihnen, wenn er beim Anbohren des Bootes nicht als erster naß wird. Genau damit scheinen sich jetzt die Amerikaner zu trösten. Ist das etwa Realpolitik?

Am Rande sei bemerkt, daß ich selbstverständlich der Ablehnung törichter emotionaler Reaktionen. auf die neue amerikanische Politik zustimme.

Auch die geflissentliche Vermischung der Begriffe „de-facto“- und „de-jure“-Anerkennung wird nun ganz artig mitgemacht; im Artikel von Herrn Sethe ist schon von völkerrechtlicher Anerkennung die Rede! Welch gefährlicher Illusionismus spricht aus dem Wunsch, bezüglich Berlin zu einer neuen vertraglichen Übereinkunft zu kommen, angesichts der ungünstigen geographischen Lage der Stadt und der sowjetischen Überlegenheit in konventionellen Streitkräften. Als ob diese Dinge durch neue vertragliche Abmachungen aus der Welt geschafft würden. Die Russen haben sich, eben angesichts dieser Tatsachen, um alte vertragliche Abmachungen nicht gekümmert und werden sich zu gegebener Zeit auch um neue nicht kümmern. Sie werden die Tatsachen benutzen, um sich weitere Vertragsbrüche honorieren zu lassen.

Prof. Dr. Helmut Grunsky, Würzburg

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