Nach den jetzt vorliegenden Zwischenberichten der IG-Farben-Nachfolger (BASF, Bayer und Farbwerke Hoechst) wird man für das Geschäftsjahr 1961 kaum noch mit höheren Dividenden rechnen können. Allem Anschein nach wird es bei dem Einheitssatz von 18 vH (gezahlt für 1960) bleiben, denn eine Dividendensenkung ist nach Lage der Dinge undiskutabel. Einmal bieten die Jahreserträge Spielraum genug, um die für die Ausschüttungen erforderlichen Beträge auch bei stagnierenden Gewinnen bereitstellen zu können, zum anderen können es sich die großen Unternehmen im Hinblick auf ihren ständigen Kapitalbedarf (Kapitalerhöhungen) nicht leisten, die Aktionäre zu enttäuschen.

Tatsache ist jedoch, daß sich die Expansion der chemischen Industrie verlangsamt hat. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatzzuwachs gegenüber 1959 15,6 vH.Er lag über dem der Gesamtindustrie mit 14,7 vH. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres stieg der Chemie-Umsatz nur noch um 4,4 vH gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres, aber geringer als der der deutschen Gesamtindustrie mit 9,8 vH. Diese Zahlen haben verschiedentlich zu pessimistischen Betrachtungen Anlaß gegeben. Dem ist Professor Winnacker auf der Pressekonferenz der Farbwerke Hoechst entgegengetreten. Er konnte darauf hinweisen, daß die Steigerung des Umsatzes bei den Farbwerken rd. 7 vH gegenüber dem Vorjahr beträgt. Mengenmäßig nahm die Produktion sogar um mehr als 10 vH zu. Die Abschwächung der Expansion hängt also mit den Preisen zusammen. Diese haben sich um rd. 4 vH ermäßigt.

Betroffen wurde vor allem das weite Gebiet der Kunststoffe und Lösungsmittel. Nach Winnacker wird hier heute in einer noch nicht erlebten Weise um Preise und Märkte gekämpft. Die Konkurrenz hat sich erheblich verschärft, nachdem alle Chemieländer, insbesondere solche mit günstigen Rohstoffgrundlagen, ihre Produktionskapazitäten erheblich erweitert haben. Der Preisdruck war, wenn auch nicht in diesem Ausmaß, vorauszusehen. Verschärft wurde er durch die DM-Aufwertung. Die chemische Industrie mußte die Preise senken. Das internationale Preisniveau wird im wesentlichen vom Ausland – nicht zuletzt von der US-Chemie – bestimmt.

Es gibt nun keine böse Sache, die nicht auch ihre guten Seiten hätte. Sinkende Preise für Kunststoffe bedeuten gleichzeitig eine Ausweitung des Absatzes; immer weitere Verwendungsmöglichkeiten werden wirtschaftlich interessant. Es kommt also zu einer Mengenkonjunktur mit großen Umsätzen und schmalen Verdiensten. Bei Rohstoffen war das noch stets der Lauf der Dinge. Die hohen Verdienste liegen nicht bei ihnen, sondern in der Regel bei der Weiterverarbeitung. Das gilt auch für Kunststoffe.

Nach dem Krieg mußte sich Hoechst allerdings sehr um seine Rohstoffbasis bemühen. Das Unternehmen erkannte frühzeitig, daß die Zukunft bei der Petrochemie lag. Hoechst schuf Anlagen für die Fertigung von Aethylen, Propylen u. ä. Inzwischen ist die Produktion dieser Ausgangsprodukte weitgehend – das heißt für den Zusatzbedarf – der Erdölindustrie zugefallen, die im Innern des Landes große Hydrieranlagen errichtet. Für Hoechst ist es vorteilhafter, von diesen Werken die Rohstoffe zu beziehen, als sie selbst herzustellen und dafür neue Kapazitäten zu schaffen. Die Entwicklung von Hoechst geht also folgerichtig weiter. Das spiegelt sich auch in den Investitionsprogrammen wider, die in diesem Jahr ohne besonderen Schwerpunkt in breitgestreuter Weise erfolgen. Die Investitionen im laufenden Jahr betrugen etwa 400 Mill. DM. Von ihnen wurde die Hälfte über Abschreibungen verdient. Die andere Hälfte wird aus der letzten Kapitalerhöhung genommen. Für 1962 ist ein etwa gleichgroßes Investitionsprogramm vorgesehen. Die Abschreibungen werden wiederum 200 Mill. DM bringen. Wie die andere Hälfte finanziert wird, steht noch nicht endgültig fest. Man denkt, wie Professor Winnacker ausführte, an eine Kapitalerhöhung. Dabei wird keinesfalls von dem genehmigten Kapital Gebrauch gemacht. Die letzte Hauptversammlung hat es nur geschaffen, um der Verwaltung die von ihr erbetene Manövrierfreiheit zu geben. Bei der Finanzierung der Investitionen 1962 handelt es sich aber um einen planmäßigen, langfristig voraussehbaren Kapitalbedarf.

Es bleibt zu berichten, daß die letzte Hauptversammlung der Verwaltung Vorratsaktien im Betrag von nominell 7 Mill. DM an Hand gegeben hat. Sie sollen bei der Einführung der Hoechster Farbwerk-Aktien an der Londoner Börse eingesetzt werden. Diese hat sich bei der besonderen kritischen Lage verzögert. Die 7 Mill. Vorratsaktien sind daher auch noch nicht verbraucht. Offenbar hat es die Verwaltung mit ihrer Verwertung nicht allzu eilig. Die derzeitige Börsenlage spricht hiergegen. Die erreichbaren Erlöse sind nicht so groß, wie man sich das ursprünglich vorgestellt hat.

W. R.