Von Paul Sethe

Fünf Jahre lang hat der amerikanische Journalist William Lawrence Shirer die Stöße von Akten durchwühlt, die in den Archiven des Reichsaußenministeriums gefunden worden waren. Fünf Jahre hat er sich auch durch die immer mehr anschwellende Literatur über den Nationalsozialismus gearbeitet. Manches, auch Wichtiges, ist ihm entgangen, das meiste aber hat er gelesen. In den Pausen der Lektüre hat er die Ergebnisse seiner Studien niedergeschrieben. Im vergangenen Jahr legte er die Ergebnisse der Öffentlichkeit vor – in einem unförmigen Band, einem Riesenwerk von Fleiß und Geduld, überwältigend durch die Fülle der Einzelheiten, überwältigend auch durch den Eindruck strenger Forschungsarbeit, den die zahllosen Quellenauszüge vermitteln.

Niemand hatte die Wirkung des Buches auf die Leser vorausgesehen. Die Amerikaner stürzten sich auf den Band, dessen Umfang sie nach der Ansicht aller Buchhandels-Sachverständigen hätte abschrecken müssen. In wenigen Monaten wurden die Verkaufszahlen von Gesellschafts- und Kriminalromanen übertroffen. Eine Million Käufer, das heißt wohl drei oder vier Millionen Leser, hat das Buch bereits gefunden. Ein großer, vielleicht entscheidender Teil der amerikanischen Bevölkerung formt sich sein Urteil über den Nationalsozialismus und über das deutsche Volk so, wie Shirer uns sieht. Es ist eines der wichtigsten Bücher, die seit Jahren erschienen sind.

Nun liegt es auch in deutscher Übersetzung vor, ein riesiger Band wie die amerikanische Ausgabe, auf den ersten Blick furchterregend durch seinen Umfang, eindrucksvoll indessen durch die Schilderung von Einzelzügen des Geschehens, die hier zusammengetragen und ausgebreitet werden (Verlag Kiepenheuer und Witsch, 1176 Seiten, gebunden 34,80 Mark).

Am stärksten ist die Wirkung da, wo Shirer nicht selbst erzählt, sondern die Quellen sprechen läßt: Zumeist niederdrückende, bestürzende, peinigende Zeugnisse, aber gerade darum heilsam für den Leser, für die jungen Menschen, für die ganze Welt. Jeder von uns kennt die Versuchung, der Wiederbegegnung mit der furchtbaren Wirklichkeit von damals auszuweichen, sich gleichsam die Decke über die Augen zu ziehen, wenn die schrecklichen Bilder vor uns treten, die Bilder von Erbarmungslosigkeit und Quälsucht, aber auch von der Schwäche und Kurzsichtigkeit derjenigen, die das Böse hätten verhindern können. Hier wird er einem nicht erspart, der Anblick dieser Bilder, und das ist gut – einmal, weil das deutsche Volk ohne die brennende Erinnerung an das Vergangene keine Erneuerung erleben kann; zum anderen, weil sonst das Mißtrauen und die Furcht bei anderen, vor allem bei den östlichen Völkern nicht zu verstehen sind. Man kann keine gute Politik machen, wenn man diese Zeugnisse nicht kennt.

Der Erzähler Shirer erweist sich als Meister der klaren und lebhaften Schilderung, die dem angelsächsischen Journalismus eigentümlich ist. Künstlerischen Ehrgeiz entfaltet Shirer nicht. Vor allem seine Beiwörter sind einförmig und schablonenhaft eingesetzt: „Der unwissende und servile Ribbentrop“ – nun gut, richtig ist es ja, doch ein wenig dürftig. Er gebraucht aber auch Beiwörter, bei denen ein erster unbestimmter Argwohn erwacht, so wenn Seeckt vorgestellt wird: „Der monokeltragende, arrogante,, preußische General.“ In dieser Zusammenstellung erscheint das Einglas schon als Zeichen eines sittlichen Mangels, und preußische Herkunft und Anmaßung scheinen dem Verfasser erst recht verwandte Begriffe zu sein. Das erlaubt Schlüsse auf seine Vorurteile. Was würde man von einem Biographen Austin Chamberlains haken, der seinen Helden vorstellt als einen „monokeltragenden, steifen Außenminister“? Die Formel wäre sehr einprägsam, nur wäre die komplizierte Persönlichkeit Chamberlains damit ebenso holzschnittartig vereinfacht wie Shirers Bild von Seeckt. Aber man tröstet sich schnell: Wir können nicht alle schreiben wie Theodor Mommsen oder Friedrich Sieburg, and wenn ein. Schriftsteller verständlich macht, was er meint, so wollen wir ihn schon loben.

Die sachlichen Irrtümer in der Erzählung wird man hinnehmen müssen als eine unvermeidliche Begleiterscheinung bei ersten Auflagen historischer Werke – vorausgesetzt, daß diese Mißverständnisse sich aus Gedächtnislücken erklären lassen. Auch wird man bei einem solchen Versuch sich damit abfinden, daß dem Autor das eine oder andere Werk aus der unübersehbaren Masse der Literatur unbekannt geblieben ist.