Der Geburtstag der „DDR“ – Ulbricht und Mikojan und viel Gesang und Tanz

Von Rolf Zundel

Berlin, im Oktober

In der Nacht zum 7. Oktober kletterten drei Grenzpolizisten der DDR über einen Stacheldrahtzaun an der Sektorengrenze. Ein Transport-Polizist sprang von einem Güterzug auf Westberliner Gebiet ab. 25 Menschen aus Ostberlin sind in dieser Nacht geflohen. Wie viele bei vergeblichen und verzweifelten Versuchen, Ostberlin zu verlassen, aufgegriffen, verhaftet und abgeführt wurden, ist nicht bekannt.

Am Sonnabend, dem 7. Oktober, feierte die „DDR“ den 12. Jahrestag ihrer Gründung. Der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow beglückwünschte in einer Grußbotschaft die Bürger der „DDR“ zu ihrem Staat, und ein Festredner der SED sprach mit gefühlsschwerer Stimme vom „Glück, in diesem Staat leben zu dürfen“.

An diesem Tag ruhte die Arbeit in der „DDR“, aber die Menschen hatten keine Ruhe am Staatsfeiertag. „Heraus zur internationalen Großkundgebung“, lautete die Losung, „Feiern“ hieß der Tagesbefehl. Auf den Straßen rund um den Marx-Engels-Platz (Lustgarten hieß er früher) sammelten sich eine Stunde, ehe die Kundgebung begann, die Marschgruppen: Junge Pioniere in weißen Hemden, FDJ-Kolonnen in blauen Hemden, Kampfgruppen in ihren graubraunen Anzügen, Betriebsbelegschaften. Und alle hatte sie Fahnen: Betriebsfahnen, Staatsfahnen, rote Fahnen,

Auf den Dächern der Regierungsgebäude flatterten die Fahnen, und auf Ruinen, aus den Fenstern hingen sie und an den Häuserwänden, manche Wunde verdeckend, die der Krieg dieser Stadt geschlagen hat. Knatternd schlugen sie über der Ehrentribüne im Ostwind, der den Staub vom Trümmergelände und von den Baustellen durch die Straßen trieb.