Von Edmund Wolf

Hatte der Vernichtungsangriff auf Hamburg einen Sinn?

Wie bitte? Man setzt sich auf, als habe man nicht recht verstanden. Das Massenbombardement einer ganzen Stadt, die Vernichtung von Unschuldigen und Wehrlosen – welchen Sinn könnte das je haben, außer dem höchst zweifelhaften, auf solche Weise vielleicht der eigenen Vernichtung zu entgehen. Wir in diesen beginnenden sechziger Jahren sind gerade intensiv damit beschäftigt, solche Mittel und den Zweck selbst – den Zweck des Überlebens – ad absurdum zu führen. Aber dem offiziellen (und in England im Augenblick so temperamentvoll umstrittenen) Werk „Die strategische Luftoffensive gegen Deutschland 1939–1945“ geht es nicht um Ethik, sondern um eine rein militärische Bilanz; und wenn die Frage nach dem Sinn verneint wird, so heißt das nur, daß die jahrelangen Nachtangriffe auf deutsche Städte letzten Endes eine Fehlspekulation waren, daß „Bomber Command“ besser daran getan hätte, sich andere Ziele auszusuchen und präzisere Methoden als das Massenbomben. Es heißt nur, daß „Bomber Command“ sich die Vernichtungsangriffe von Hitlers Luftwaffe auf Warschau, Rotterdam und Coventry nicht zum Vorbild hätte nehmen sollen. Es heißt, daß trotz der Zerstörung großer Teile so mancher deutscher Städte – wie das britische Werk feststellt – „der Wille des deutschen Volkes ungebrochen war, nicht einmal wesentlich geschwächt, und die Wirkung auf die Kriegsproduktion bemerkenswert klein“.

Eine Fehlspekulation also. Will man das aber wirklich hören nach so vielen Jahren? Es ist zum Weinen; auf eine gespenstische Art ist es jedoch auch wieder zum Lachen. Man sagt sich, daß die ganze Menschheitsgeschichte eine Geschichte von Fehlspekulationen ist, die sich erst dann herausstellen, wenn es keinem mehr nützt. Irgendeine Moral müßte doch drinstecken. Wir brauchen dringend eine Moral.

Nach Sir Charles Snow war letzten Endes ein einziger Mann schuld an der Fehlspekulation; und die tiefste Ursache war entzweite Freundschaft zwischen zwei Physikern.

Wenn das wahr ist – das wäre noch gespenstischer. Aber Sir Charles Snow ist ein Schriftsteller von Weltrang, war selbst Wissenschaftler und hoher Beamter; was er von der Fehde zwischen Professor Lindemann und Sir Henry Tizard zuerst in einer Reihe von Vorlesungen in Harvard enthüllte, ist nicht widerlegt worden.

Lindemann und Tizard waren schon vor dem Ersten Weltkrieg befreundet, als sie sich in Berlin im Laboratorium von Professor Nernst kennenlernten. Sie blieben im Ersten Weltkrieg befreundet, in dem sich beide mit großer Tapferkeit als Pioniere des Luftkriegs bewährten.