Ohne Gründlichkeit und Phantasie geht es nicht

Von Hermann Riedle

Drängend, ja dräuend schiebt sich das hochentwickelte Wissen unserer modernen Zeit ins Bewußtsein der breiten Massen. Symbole dieser „intellektuellen Inflation“ sind die Schlagwörter, die wir täglich in Zeitungen, Vorträgen und im fachlichen Gespräch vernehmen und auch selbst verwenden. Aus der Physik, der Psychologie, der Medizin, der Aeronautik, der Wirtschaftswissenschaft – aus allen Wissensgebieten – beziehen wir diese Symbole, die stellvertretend sind für den Erkenntnisdrang des heutigen Menschen. Und wenn wir auch nicht immer den Gehalt der entliehenen Begriffe sicher kennen, so sind sie uns doch richtungweisend für die Zukunft, der wir entgegengehen – freudig-begeistert die einen, resigniert die anderen.

Auch der Begriff „Automation“ ist ein Schlagwort der neuen Zeit. Das aus dem Englischen stammende Wort wurde in viele andere Sprachen übernommen. Es umschreibt im weitesten Sinne die Technik, eine Folge von Arbeitsstufen selbsttätig zu machen und den integrierten Prozeß auch in Steuerung und Kontrolle sich selbst zu überlassen. Die Verwirklichung der Automation gelingt in den meisten Fällen nur dann, wenn wir den zu automatisierenden Arbeitsprozeß neu überdenken, die Elemente der Arbeit neu gruppieren und kombinieren und auch das Milieu der Arbeitsabläufe neu gestalten. Selbstverständlich sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle auch absolut neue Maschinen und Werkzeuge für den apparativen Teil des Prozesses heranzuziehen.

Und damit wird auch schon ganz deutlich, weshalb der Drang nach Automation den Unternehmern so „auf den Magen“ schlägt: Die Ausrüstung, die es braucht, um echte Automatisierung zu erreichen, ist meist im Vergleich mit dem herkömmlichen Equipment recht kompliziert und erfordert beachtliche Kapitalinvestitionen, die nicht ohne reifliche Überlegung eingesetzt werden können. Es gibt auch kein „Ausweichen“: Automation ist eine umfassende Aufgabe und verlangt eine Neuorientierung aller am Prozeß beteiligten Kräfte. Man kann nicht einfach ein Teilgebiet, d. h. nur ein bißchen automatisieren.

Darf es deshalb überraschen, daß es bei Automatisierungsprojekten in vielen Betrieben zu „Fehlleistungen“ gekommen ist? – Man sollte sich nämlich an die Automation nicht heranwagen, wenn man sich nicht gründlich mit den üblichen Verfahren auseinandersetzen will und manches in Frage zu stellen wagt, was bisher als die einzig richtige Methode galt.

Die spektakulären Erfolge der Automation liegen für manchen Laien sichtbar in den Gebieten der Fertigungstechnik, der Waffentechnik, der Nachrichtenübermittlung, der Elektrizitätsversorgung usw. Im engeren Bereich der Wirtschaft sieht man sie weniger deutlich, und doch ist Automation hier nicht weniger revolutionär in ihren Konsequenzen und beginnt auch, unserem Alltag schnell ein neues Gepräge zu geben. Vor allem geht es hierbei um die Automatisierung der Verwaltungstätigkeit, der Administration, wo wir bisher mit besonders „rückständigen“ Methoden gearbeitet haben, d. h. menschliche Kräfte viel zu verschwenderisch eingesetzt haben und auch oftmals wenig zielgerichtet gewirkt haben.