Sobald man sich heutzutage anschickt, einen Brief zu schreiben, geraten Vernunft, Charakter und Wohlanständigkeit in Konflikt. Einerseits hat sich das Korsett der Etikette gerade im Briefstil mit despotischem Altersstarrsinn behauptet. Unangenagt von Zweifeln, ob das, was da im Namen der „guten Sitte“ vorgeschrieben wird, nicht eher geeignet ist, die Vernunft zu knebeln und den Charakter abzuschleifen. Andererseits hat sich mit den Heinzelmännchen der Technik eine verteufelte Bequemlichkeit eingeschlichen, die aus den Zeilen des Briefes die letzten Spuren persönlichen Kontaktes laugt.

Zunächst ist es – mit Verlaub! – ein wenig verrückt, daß der Empfänger das letzte Wort des Briefes praktisch als erstes lesen muß, falls ihn nicht ein gedruckter Briefkopf unpersönlich über den Absender vororientiert. (Dem sachlichen Sinn des antiken Rom wäre es niemals eingefallen, die Höflichkeit gegen die Vernunft auszuspielen. Und darum begann man dort einen Brief klipp und klar mit dem eigenen Namen: „Marcus Tullius Cicero grüßt Gaius Julius Caesar!“). Aber, beugen wir uns dem Gebot der Sitte!

So muß es denn in der Anrede heißen: „Sehr geehrter Herr Schmitz!“ oder: „Sehr verehrte Frau Müller!“ Die prononcierte Ehrerbietung ist unbedingt erforderlich. Auch wenn man nachher Herrn Schmitz mehr oder minder deutlich wissen läßt, daß man ihn nicht nur für einen säumigen Zahler, sondern sogar für einen ausgekochten Gauner hält. Aber selbst, wenn der Partner wirklich aller Achtung wert wäre, wird die glattzüngige Formel durch ihr Passiv gewichtlos. Was das „sehr“ betont, nimmt die grammatikalische Unverbindlichkeit schleunigst wieder zurück. Denn wer verehrt, wird im ungewissen gelassen.

Es gilt als unkorrekt, einen Brief mit „ich“ zu beginnen. Warum eigentlich? Denn was immer der Brief berichten mag, welche Meinung er kundtut, welches Urteil er ausspricht: Das „ich“ steht doch als Unterpfand hinter jedem Satz! Das grenzt den Brief ab von der unpersönlichen Information; vom Artikel, der sich an „unbekannt“ richtet; vom Argument, das sich einzig und allein auf seine inhaltliche Beweiskraft stützt. Selbst ein Geschäftsbrief sollte sich von einer Zeitungsnachricht oder einem Inserat unterscheiden! Denn die Partner – Absender und Empfänger – stehen in einem klar umrissenen Kontaktverhältnis.

Was aber ordnet die „gute Sitte“ für die Schlußformel des Briefes an? Folgendes Zitat ist in der Anleitung eines Knigge-Epigonen von 1958 zu lesen: „Zur reinen Formel abgesunken und darum überall verwendbar ist ,Hochachtungsvoll‘, das nicht gesteigert zu werden braucht.“ Wie verräterisch! Hier wird aus der objektiven Heuchelei kein Hehl gemacht. Die hochgestochene Floskel kann getrost verwandt werden, da allgemein bekannt ist, daß niemand meint, was sie ursprünglich aussagt. – Nicht viel besser steht es um das „ergebenst“ oder „verbindlichst“. Denn wer „verbindlichst“ schreibt, will paradoxerweise damit gewöhnlich gerade auf eine Distanz gehen, die ihn nicht verbindlich engagiert! Und die Schar der „Ergebenen“, die unseren Briefverkehr bevölkert, will kaum bekunden, daß sie sich dem Empfänger unterstellt fühlt. Noch hat sie die Absicht, sich ihm ernstlich unterzuordnen. – Oder soll man etwa den „aufrichtigen Grüßen“ trauen? Wer schon betonen muß, daß er es diesmal aufrichtig meint, darf nicht allzuviel Vertrauen erwarten.

Wer nicht die meisten seiner Briefe mit einem Kommentar versehen will, um Mißverständnissen vorzubeugen, ist darum nach wie vor genötigt, Floskeln zu gebrauchen, bei denen sich die Feder sträubt. Offenbar ist es schwierig, Maß und Mitte zu wahren. Aber müssen wir uns wirklich vom technischen Komfort zur Schlampigkeit verführen lassen? Die Unterschrift, dieser Restbestand persönlicher Signatur, ist mehr und mehr im Schwinden! Wie erfreulich beschäftigt sieht es doch aus, wenn die Sekretärin – statt des herrschaftlichen Namenszuges – ihr „i. A.“ unter den Brief setzen muß und entschuldigend hinzufügt: „nach Diktat verreist“. Mancher Briefschreiber bevorzugt den Stempel. Denn ein Stempel, nach sorgfältiger Handschrift angefertigt, erlaubt es, später unauffällig flüchtig zu sein. Mit etwas mehr Phantasie und etwas mehr Vertrauen zur Sekretärin wäre jedoch die Blanko-Unterschrift denkbar, die wenigstens mit dem selbstgeschriebenen Namenszug die letzte persönliche Verbindung aufrechterhält.