Von Otto F. Beer

Seit Jahren war davon gesprochen worden, daß Zuckmayers neues Stück „Der trunkene Herkules“ heißen und in Wien am Burgtheater herauskommen solle. Man durfte ein dionysisches Spiel des Fröhlichen-Weinberg-Sängers erwarten. Offensichtlich hat sich die andere Arbeit, notiert im Jahre 1953, in dem sie tatsächlich spielt, dazwischengeschoben und verlangte nach Gestaltung. „Die Uhr schlägt eins“, eine bittere Zeitdiagnose voll schuldhafter Verstrickungen, löste die Trunkenheit des Herkules ab. Bei der Uraufführung im Burgtheater erwies sich das jüngste Opus Zuckmayers als ein Drama um die „unbewältigte Vergangenheit“, die hier in einer packenden Gestaltungsfülle dramatisch bewältigt wird.

Man schreibt also 1953. Die Ruinen der Kriegsjahre sind vergessen, man schenkt Sportkabrioletts, trinkt Sekt, möbliert sich barock. Die Frau des prosperierenden Wirtschaftskapitäns hat beinahe vergessen, daß sie ihrem ersten Mann auf dessen Wunsch Gift gereicht hatte, als die braunen Schlägertrupps ihn;-den Juden, zu einem blutigen Stück Fleisch geprügelt hatten. Die Tochter führt den Hauslehrer an der Nase herum und trägt sich mit Heiratsabsichten. Der Schatten über dem neubackenen Wirtschaftswunderglück: der Sohn revoltiert gegen die glatte Fassade, sucht das, was er für Realität hält, bei einer Verbrecherbande, deren faszinierendem Boß er in blindem Gehorsam verfallen ist. Halb dem Sohn, halb sich selbst zuliebe, wird die Mutter die Freundin des Unterweltsdämons. Aber es ist zu spät, den Jungen zu retten. Er wird in einen Kugelwechsel mit der Polizei verwickelt, muß mit dem angebeteten Boß über die Grenze flüchten, landet bei der Fremdenlegion. Als Landsknecht im Indochina-Krieg verliert er die Illusion einer Realität, um derentwillen er ausbrach. Er desertiert, wird aufgegriffen, zum Tode verurteilt. In der Nacht vor der Hinrichtung vermag der Vater gerade noch zu verhindern, daß die Krankenschwester ihm jene stärkende Injektion verabreicht, die ihn zur Hinrichtung fit machen soll. Sobald die Uhr eins geschlagen hat, verdämmert sein Leben.

Wird das neue Zuck-Stück ein Zug-Stück werden? Die Fama behauptet, es sei bereits von sechzig Bühnen blindgebucht worden. Der Premierenabend verlief glanzvoll genug, um diese Annahmen im nachhinein zu rechtfertigen – und neue dazu. Das Stück dürfte also wohl nächstens eine Rundreise über alle deutschen Bühnen antreten, deren technischer Apparat ausreicht, dieses Szenengefüge zu bewältigen.

Ob der adventistisch klingende Titel „Die Uhr schlägt eins“ des Dichters Überzeugung verdeckt, daß für diese Welt die Uhr bereits zwölfe geschlagen hat? Solche Skepsis könnte bei Zuckmayer überraschen, denn seine Apotheose des machtvoll strömenden Lebenstriebes basierte wohl vierzig Jahre lang auf der Überzeugung, daß unsere Welt zum Besten gehört, was es auf diesem Gebiet gibt. Hier nun wird sie auf einmal ein Tummelplatz der Mörder, wo das Reine unweigerlich besudelt, das Menschliche zur Bestialität verkehrt wird.

Die Kette der Schuld reißt nicht ab, obgleich es sich mitunter um eine minimale, kaum sichtbare Schuld handelt. So etwa, wenn die Frau dem geliebten Mann das gewünschte Gift reicht, um ihn von seinen Qualen zu erlösen, oder wenn sie hinterher Geborgenheit bei einem anderen sucht, obgleich sie den ersten noch nicht vergessen hat.

Aus Verstrickungen dieser Art ist das Gewebe des neuen Zuckmayer-Dramas gebildet. Doch machte die Wiener Aufführung zugleich den Punkt offenbar, an dem sich der Bogen nicht rundet.