Der Humor der Angst – Seite 1

Von Josef Müller-Marein

Zu Karl Valentin (er legte Wert darauf, das „V“ müsse auch wie ein „V“ ausgesprochen werden, also wie „F“) habe ich nur staunende Verehrung gehabt; zu Liesl Karlstadt (die eigentlich Elisabeth Wellano hieß) bin ich nach Valentins Tod in Beziehung gekommen. Einmal, als sie meinen „werten Kopf“ auf ihrer „Fernsehscheibe“ entdeckte, schrieb sie mir einen Brief: Ich sei auf dem weiten Weg von Hamburg nach München sehr blaß geworden, und sie habe mich deshalb geküßt, wobei ich nach Glas geschmeckt hätte. Dies war sehr valentinisch – wobei zu beachten ist, daß ihr Kuß und die Mitteilung darüber kein „Flachs“ war, jedenfalls nicht ausschließlich.

Ich schreibe dies nicht, um mich ins Licht zu rücken, sondern um das „Valentinische“ zu schildern, das etwas Einmaliges war. Wie oft bin ich als junger Mann Zeuge seiner Szenen gewesen, ja, ich habe mich gelegentlich dadurch lächerlich gemacht, daß ich keine Möglichkeit ausließ, Valentin zu sehen und zu hören. Ich war stets nur zu Besuch in München, nie längere Zeit, und manches wichtige Ereignis ist mir „durch die Lappen“ gegangen, weil ich abends zu seinen Auftritten pilgerte – sogar zu Münchener Festspielzeiten. Mehr noch: Ich habe Thoma gelesen, um Valentins Dialekt besser verstehen zu können, und Valentin hat mir dann wieder die Werke des großen Ludwig verständlicher gemacht, aber er, der Karl, war der größere Poet.

Dies ist meine Meinung, deren Ehrlichkeit ich dadurch erhärten kann, daß ich jederzeit in der Lage bin, valentinische Szenen auswendig vorzutragen, wobei ich gleich hinzufügen will, daß die Zuhörer vielleicht nicht viel davon haben, weil die Würze des echten Münchener Dialektes fehlt, der nun einmal dazu gehört. Der Verlag Piper, München, ist hier für mich eingesprungen. Er hat das Buch herausgebracht:

Karl Valentins gesammelte Werke, mit 28 Abbildungen und 429 Seiten; 14,80 DM.

Und nicht nur dies Buch, sondern – des Dialektes wegen – auch eine Schallplatte:

Mono- und Dialoge, Originalaufnahmen mit Karl Valentin und Liesl Karlstadt (hergestellt von der Solopress-Schallplatten GmbH, Gütersloh); 33 UpM, 17,– DM.

Der Humor der Angst – Seite 2

Für beides, Buch und Schallplatte, bin ich dem Piper-Verlag herzlich dankbar, weil beides zusammen geeignet ist, die „Jugendtorheit“ meine: hemmungslosen Begeisterung für Karl Valentin und Liesl Karlstadt zu erklären – dem Publikum, vor allem aber mir selber.

Zugegeben: mir wäre es lieber gewesen, wenn Valentin und die Karlstadt ein rheinisches oder berlinisches Paar gewesen wären. Ich hätte weniger Übersetzungsschwierigkeiten gehabt. Außerdem war mir der bayerische Humor von den Bayerr selber gar nicht so geschildert worden, daß der ultra-dünne Valentin als sein Inbegriff zu betrachten sei, sondern ein dicker Mann mit einem Bierglas in der Hand: Weiß Ferdl war sein Name.

Daß die Münchener den Weiß Ferdl, der lustig, aber simpel war, mehr schätzten als den Valentin und seine Liesl: das wollen wir hier erst einmal festhalten; als Tatbestand. Andererseits wäre ohne das Münchener oder altbayerische Element natürlich Valentin nicht geworden, was er geworden ist. Hut ab vor dem bayerischen Element, wenn es auch ein Jammer ist, daß man Valentin nicht übersetzen kann!

Es gibt nicht leicht einen Künstler, mit dem Karl Valentin verglichen werden kann – am ehesten noch Chaplin, der die Leute lachen macht über das Pech, das ihm, dem Unschuldigen, passiert.

Valentin aber war nicht so gutherzig, außerdem war er noch viel subtiler als der feinsinnige Chaplin. Man kann zwar seine Kunst als eine unaufhörliche Kette von Parodien auf die Wesensart der Altbayern und Altmünchener ansehen. Aber das führt nicht weit, weil Valentin selber genauso geartet war wie sie. Wer parodiert, setzt sich über die Schwächen der anderen hinweg. Valentin jedoch besaß alle diese Schwächen selber: Er war grantig, war in stetem Wechsel redselig oder wortkarg, und vor allem: er hielt sich über Kleinigkeiten auf. Und da haben wir vermutlich den Punkt, auf den es ankommt: er legte die Details des Lebens unter ein Mikroskop: jetzt wurden sie so riesig groß, daß er erschrak. Worauf er das Unheimliche mit Mitteln der Logik zu bekämpfen versuchte. Und in dieser Logik steckte dann der Humor.

Ob Valentin ein Dichter, ein Kabarettist, ein Volksschauspieler, ein Musikant, ein Clown genannt wird, das ist nicht so wichtig gegenübe der Tatsache – daß er Angst hatte. Sein ganzes Leben war ein einziger Angstzustand: Angst vor Eisenbahnen, Autos, Flugzeugen, Krankheiten. Angst, immer nur Angst. „Wenn ich gewußt hätt’“, so lauteten seine letzten Worte an die Liesl, „daß Sterben so leicht ist, hätt’ ich mein Leben genossen!“ Ich glaube, in diesem Wort ist das ganze Geheimnis dieses Menschen umschlossen.

Aber kann so ein Angstverfolgter ein Humorist sein? Antwort: Nicht nur wirkt ein Mensch komisch, der mit Schwierigkeiten der Welt nicht fertig wird – es sei denn auf die pfiffigste, unsinnigste Weise –, sondern Humor selbst kann ja ein Abwehrmittel gegen die Welt sein: Er ist wahrscheinlich das wirksamste Mittel! Die traurigen Clowns hat es schon lange gegeben, ehe die modernen Maler sie entdeckten.

Der Humor der Angst – Seite 3

Mich hat es sehr gerührt zu erfahren, daß Valentin sogar Angst vorm Schreiben hatte. Seine Szenen und Dialoge, Vorträge und Sketches sind alle – bis auf eine Geschichte: die vom „entschwommenen Goldfisch“ – in der Improvisation entstanden, und es ist sicher, daß die Liesl, als sie das „Valentinische“ einmal begriffen und in ihr liebes, heiteres, zärtliches Wesen aufgenommen hatte, nicht weniger als Karl selber an diesen Produktionen beteiligt war. Und wenn einmal etwas aufgeschrieben werden mußte, so tat sie es.

Es entspricht einer griechischen Legende, daß ein Dichter, Erzähler, Schauspieler, Sänger, Philosoph ursprünglich ein und dieselbe Person waren und daß diese Teile eines Ganzen im Laufe einer schlimmeren Weltentwicklung auseinandergefaltet seien. Nun, bei Valentin waren die Teile noch beisammen, und siehe: Die Welt fand diese Unversehrtheit komisch...