„... also Sie sind sicher, daß das Telephon von einem Deutschen erfunden wurde und nicht von einem Russen oder Amerikaner?“

„Ja, ganz sicher. Sie können nachsehen in Meyers Konversationslexikon oder in der Encyclopaedia Britannica oder in einem russischen Lexikon – älteren Datums. Es war der deutsche Schullehrer Philipp Reis.“

„Aber warum spricht man dann immer von dem Amerikaner Bell?“

„Bell verbesserte das Telephon, und brachte es auf den Markt. Er verdiente auch viel Geld daran. Im Gegensatz zu Reis. Aber nichts gegen Bell. Sein Apparat war wirklich besser. Reis konnte zwar mit seinem Fernsprecher Melodien sehr schön und sehr deutlich durch den Draht schicken, aber nicht die menschliche Stimme. Sie hatte in dem ersten Telephon der Welt, das Philipp Reis am 26. Oktober 1861 einer erstaunten Physikerschar in Frankfurt vorführte, einen – wie die Zeitgenossen berichteten – ‚unangenehm näselnden Klang‘. Bell beseitigte das Näseln.“

„Schade“, sagte ich, „wenn Bell nicht gekommen wäre, hätten die Menschen wieder lernen müssen zu singen, wie die Vögel, wie Orpheus. Jeder Schwatz am Telephon wäre zum Operettenduett geworden und jede ernsthafte Unterhaltung zu einer Opernarie! Nur um den näselnden Klang zu vermeiden. So eitel sind die Menschen.“

Ich schlug auf alle Fälle doch noch im Meyer nach und im Brockhaus und in der Encyclopaedia Britannica. Aber es stimmt. Philipp Reis aus Gelnhausen in Hessen hätte vor hundert Jahren etwas Schweinedarm genommen, etwas Platinblech, eine Stricknadel mit Draht daran und etwas elektrischen Strom, und siehe da, das Telephon war geboren. Aber offenbar war es nicht der richtige Strom (intermittierender Batteriestrom statt schlichtem Induktionsstrom, zu dumm!). Denn das Ergebnis waren, wie gesagt, zwar schöne Melodien, aber eine näselnder menschliche Stimme.

Mein Telephon hatte das Gespräch mitangehört – das läßt sich bei Telephongesprächen nicht vermeiden –, und im Vollgefühl seines bevorstehenden Geburtstages erklärte es in leicht näselndem Tonfall: „Wir Telephone sind doch bessere Menschen!“