New Delhi, im Oktober

Als Altbundespräsident Professor Heuss im vergangenen Winter Indien besuchte, da wurde er hier überall als eine Persönlichkeit gerühmt, die nicht nur im Sinne der griechischen Antike, sondern auch nach den klassischen indischen Traditionen die seltene Synthese zwischen einem Philosophen und einem Staatsmann verkörpert. Den gleichen Ruhm verdient Indiens Vizepräsident Dr. Sarvapalli Radhakrishnan, den nicht von ungefähr ein herzliches persönliches Freundschaftsverhältnis mit Professor Heuss verbindet.

Der Vertreter des indischen Staatsoberhauptes trägt unverkennbar die Züge eines alten indischen Brahmanengeschlechts: in dem scharf gemeißelten Gesicht mit einer kräftigen Nase verraten die klugen, immer nachdenklichen Augen und die hohe Wölbung der Stirn den Gelehrten, der in der internationalen akademischen Welt bereits großes Ansehen genoß, lange bevor ihn seine politischen Würden zu einer bekannten Gestalt der internationalen Öffentlichkeit machten.

Diese Würden wurden Dr. Radhakrishnan in erster Linie deshalb übertragen, weil er sich kraft seines Geistes zum Repräsentanten des indischen Volkes besonders qualifiziert hatte. Bevor Radhakrishnan 1949 zum Botschafter der Indischen Union in Moskau ernannt wurde, war er viele Jahre lang sozusagen inoffizieller Kulturbotschafter der indischen Geisteswelt in Europa und Amerika gewesen – als erster indischer Philosophieprofessor in Oxford und als Künder des indischen Kulturerbes auf mehreren Vortragsreisen durch Europa und die Vereinigten Staaten.

Der heute 73jährige indische Vizepräsident ist der Sohn einer südindischen kleinen Mittelstandsfamilie. Obwohl seine Eltern orthodoxe Brahmanen waren, schickten sie den begabten Jungen auf eine christliche Schule, und diese Ausbildung setzte Radhakrishnan später mit seinem Studium an dem Christlichen College in Madras fort. Für den um die Erkenntnis der Wahrheit ringenden jungen indischen Philosophiestudenten war diese Zeit bestimmend für sein künftiges Bemühen, immer wieder nach Begegnungen zwischen der östlichen und der westlichen Geisteswelt zu suchen und geistige Brücken von einem Ufer zum anderen zu schlagen.

Seine "Lehr- und Wanderjahre" verbrachte Radhakrishnan als Student und Lektor in Südindien, vornehmlich in Madras und Mysore; in den südindischen Zentren hinduistischer Gelehrsamkeit maturiert, wurde der knapp dreißigjährige Philosophieprofessor an die große Universität der bengalischen Hauptstadt Calcutta berufen. Von hier aus unternahm er Vortragsreisen durch England, den europäischen Kontinent und Amerika, die ihm einen solchen Ruf eintrugen, daß man ihm 1936 als erstem Inder einen Lehrstuhl für östliche Ethik und Religionen in Oxford übertrug. Zu einem Zeitpunkt also, da kaum jemand in England daran dachte, den Indern in absehbarer Zeit die politische Selbstbestimmung zu gewähren, hatte Radhakrishnan von einer der ehrwürdigsten englischen Erziehungsinstitutionen das Privileg erhalten, als Lehrer der Elite britischer akademischer Jugend die "Gleichberechtigung" der östlichen mit und den großen Weltreligionen.

Die Vorlesungen des indischen Professors wurden in einer Reihe von Büchern in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Sie handeln von der Lebensanschauung des Hinduismus, beschäftigen sich mit Gautama Buddha und der Philosophie Rabindranath Tagores, indischer Philosophie im allgemeinen und den großen Weltreligionen.