Unangenehme Wahrheiten für Entwicklungsländer – Die Zeiten der Erpressung sind vorbei

Von Lutz Köllner

Zwei Ereignisse haben in den letzten Wochen die Gespräche über die Hilfe an Entwicklungsländer auf eine neues Gleis geschoben, von dem man nur hoffen kann, daß es nicht vor einem Prellbock endet. Da war zunächst die Konferenz der Bretton-Woods-Institute in Wien.

Zum ersten Mal wurde da ausgesprochen, was viele Finanzfachleute, aber auch mancher Kaufmann und einfache Steuerzahler seit Monaten erwartet hatten. Nicht alle Länder, so hieß es, seien in den letzten Jahren bereit gewesen, einen inflationsfreien Kurs zu steuern. Und zu denen, die der Magie des Geldes, des eigenen wie des fremden, am ehesten erlagen, gehörten viele Entwicklungsländer, die in Afrika und Asien den Block der Neutralen bilden und fast gleichzeitig in Belgrad versammelt waren. Der scheidende Präsident der International Finance Corporation, Garner, war es, der seine Abschiedsrede nach 14jähriger Tätigkeit für die Bretton-Woods-Institute mit gezielten Seitenhieben auf die Entwicklungsländer versah und sich damit mehr Sympathien verschaffte, als er vermutlich selbst erwartet hatte. Wenn es auch bedauerlich sein mag, daß erst ein führender Mann der internationalen Finanzwelt aus dem Amte scheiden muß, um eine schwelende Unzufriedenheit in beweiskräftige Kritik umzumünzen, so wurde doch deutlich, wie brüchig der Boden ist, auf dem die Währungspolitik vieler Entwicklungsländer steht.

Die Kritik Garners war berechtigt, wenn einige Formulierungen auch überspitzt gewesen sein mögen. Wer die Entwicklung der internationalen Währungspolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verfolgt hat, konnte sich in den letzten beiden Jahren des Eindruckes nicht erwehren, als gingen die Ansprüche der Entwicklungsländer – trotz aller Warnungen vor einer überstürzten Industrialisierung – und die Möglichkeiten ihrer Gläubiger immer mehr auseinander. Eine Zeitlang haben die westlichen Länder, vornehmlich die USA, den Wettlauf mitgemacht; sie gewährten den Entwicklungsländern jene Hilfe, die sie gerade beanspruchten. Aber es war von vornherein ersichtlich, daß es sich dabei um einen ungleichen Wettlauf wie zwischen dem Hasen und dem Igel handelte. Die Entwicklungsländer waren in ihren Wünschen immer eine Etappe voraus, die parlamentarische Verabschiedung der Auslandshilfegesetze hinkte hingegen ständig nach. Eines Tages mußte es offenbar werden, daß es so nicht weitergehen konnte. Die Tagung in Wien hat das Stoppzeichen gegeben.

Denn Präsident Garner scheute sich nicht zu sagen, daß die Entwicklungsländer offenbar Geld bereits mit wirtschaftlichem und sozialem Fortschritt gleichsetzten, daß sie aber in ihrer Währungspolitik den Optimismus vom künftigen inflationsfreien Wachstum der Weltwirtschaft nicht rechtfertigten.

Im Gegenteil, er bescheinigte ihnen, daß sie seit einiger Zeit nicht mehr die Manieren guter Schuldner besäßen.