Noch steht es den deutschen Fachverbänden frei, wie sie sich im internationalen Sportverkehr verhalten wollen. Inzwischen haben sich die Schützen gegen ein gleichzeitiges Auftreten zweier deutscher Mannschaften auf der Grundlage der internationalen Gepflogenheiten, die Kanuten und modernen Fünfkämpfer für eine Beteiligung entschieden. Schon aber melden sich gewichtige Stimmen, die für eine gemeinsame Linie des Vorgehens der im DSB zusammengeschlossenen Fachverbände im Sinne eines Verzichtes plädieren. Wir nähern uns damit gefährlich der Entwicklung einer Art Hallstein-Doktrin für den deutschen Sport in einem Moment, wo Bundestagsabgeordnete die politische Hallstein-Doktrin für „verhängnisvoll“ und „stereotyp“ bezeichnen, der nicht „die geringste Chance zu geben sei“. Welche Argumente benutzen jene, die für einen Verzicht eintreten und bewußt die Isolierung des Sportes der Bundesrepublik im Kauf nehmen wollen? Sie halten es für unmöglich, daß deutsche Sportler an Wettkämpfen teilnehmen, bei denen das Banner des Ulbricht-Regimes neben der Fahne der Bundesrepublik gehißt wird. Das Emblem mit Hammer und Zirkel sei nunmehr noch mit einem Stacheldraht „garniert“ und bedeute eine „Herausforderung des Unsports“. Im übrigen spekuliere der gesamte Ostblock auf Uneinigkeit im westlichen Lager.

Die letzte Behauptung ist nun allerdings billig und schwach. Gerade durch die Vielfalt unserer Auffassungen im freiheitlichen Westen auf der Grundlage vereinigter Abwehr des Kommunismus bleiben wir glaubwürdig. Wir Deutsche sind uns einig in der Verachtung des Zonenemblems. Hammer und Zirkel sind schon in manchen Sportveranstaltungen in der Bundesrepublik geduldet worden. Der Deutsche Sportbund beruft sich sogar in seinem soeben erschienenen Weißbuch „Dokumente zum Thema Sport und Politik“ im Kapitel Flaggenstreit darauf, daß die Bundesregierung am 14. 6. 1961 sogar habe bewogen werden können, „das in der Bundesrepublik nicht erlaubte Staatswappen der DDR, wenn es aus Anlaß von Welt- und Europameisterschaften innerhalb der Bundesrepublik auf dem Sportdreß getragen wird, zu dulden“. Ist denn nun Ulbrichts neue Fahne für uns draußen ein so viel unerträglicheres rotes Tuch als die rote Fahne der Russen? Ist weiter die ungarische Fahne nicht ebenfalls mit einem – unsichtbaren Stacheldraht umgeben? Die Leichtathletik-Länderkämpfe in Ungarn und der Tschechoslowakei liegen gerade hinter uns. Die Fahnen dieser Länder wehten über unseren Stadien. Bei den Kämpfen stand die Kameradschaftlichkeit der Sportler obenan. Solche Gedanken mögen Anstoß erregen. Haben die Kritiker aber bedacht, wie es mit der anderen Seite steht, wenn sie auf unsere Sportler irgendwo in der Welt trifft? Sie wird mit der Fahne Deutschlands konfrontiert und sie hört „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterlands

Eine Hallstein-Doktrin für den deutschen Sport mit der Konsequenz, daß die Sportler, der Bundesrepublik „draußen“ bleiben müssen, während die Zonensportler „dabei“ wären, würde Ulbricht nur noch ein weites internationales Feld freiwillig überlassen. Wir würden im übrigen unseren Freunden in den internationalen Verbänden einen schlechten Dienst erweisen. Politik lehrt, wie lange es dauert, einmal getroffene Entscheidungen wieder zu ändern, weil dann die Fragen des Prestiges mit in das Spiel kommen. Der deutsche Sport möge, wie es seinem Wesen entspricht, elastisch bleiben und alle Chancen nützen, international in Erscheinung zu treten. Wem dieser Preis zu teuer ist, der hat bei uns allerdings die Freiheit, ihn nicht zu bezahlen.