Am ersten Tag des 20. Deutschen Sportärzte-Kongresses in Mannheim standen Fragen des Herz-Kreislaufes und der Atmung im Mittelpunkt der Referate und Diskussionen. Am zweiten Tag ging es um das Problem, ob der Sport in seiner heutigen Form zu Überlastungs- und „Aufbrauch-Erscheinungen“ an den Geweben führt oder nicht. Gemeint waren vor allem Muskeln, Knorpel und jene Gewebe, die einen langsamen Stoffwechsel besitzen sollen. Dazu gehören auch die Sehnen. Bei den Läufern kommt es heute nicht selten zu Ein- oder Durchrissen der Achillessehne.

Vom Muskel, der oft hundertmal zu breit ist wie seine Ansatzsehne, wird die Kraft auf diesen hundertmal kleineren Querschnitt übertragen. Die Achillessehne setzt wiederum am Fersenknochen an, und nicht selten treten gerade an diesen Übergängen vom Muskel zur Sehne und von der Sehne zum Knochen die Läsionen auf.

Professor Groh konnte mit einer eleganten Methode durch drahtlose Übertragung die Kräfte messen, die beim Lauf auf einzelne Gewebe, vor allem auch den Knorpel, auftreffen. Obwohl Druckstöße von 50 kg je Quadratzentimeter dabei vorkommen, liegen diese doch noch weit unter der kritischen Belastungsgröße des Knorpels, die etwa das Zehnfache beträgt. Die üblichen Belastungsgrößen, die beim Sport auftreten, reichen nicht zu einem Knorpel verschleiß aus, es sei denn, daß primär schon krankhafte Veränderungen vorliegen. 99 Prozent der Sporttreibenden brauchen damit nicht mit Aufbrauchschäden zu rechnen.

In der Diskussion wurde aber betont, daß die Sportärzte gerade bei Fußballspielern immer wieder Knochenveränderungen an den Gelenken im Röntgenbild sehen würden. Vor einiger Zeit mußte einer der deutschen Nationalspieler deshalb den Sport für einige Zeit aufgeben – wahrscheinlich sogar für immer.

Besonders die Meniskusschädigung am Kniegelenk wird beim Fußballspieler recht häufig diagnostiziert. Professor Schallock, der sich als Pathologe mit den feinsten chemischen und strukturellen Veränderungen im Gewebe beschäftigt hat, meinte, daß die Menisken, jene im Aufblick halbmondförmigen und im seitlichen Profil keilförmigen Knorpel am Kniegelenk, gar nicht für die Funktion der Abpufferung von Stößen vorgesehen seien, die sie beim Fußballspiel übernehmen müssen. Die Menisken sollten vielmehr in erster Linie verhindern, daß sich die Gelenckapsel bei der Gelenkbewegung einklemmt. Professor Junge vertrat ebenfalls die Ansicht, daß das Kniegelenk keine „Fehlkonstruktion des lieben Gottes“ ist, sondern daß dieser wirklich nicht ahnen konnte, daß die Menschen ausgerechnet das Bein dazu „mißbrauchen“ würden, Lederkugeln mit fast 100 km Stundengeschwindigkeit durch die Gegend zu „schießen“.

Man war sich schließlich einig, daß die Gefahr im Sport nicht beim Verschleiß und Aufbrauch liege, sondern hauptsächlich bei den Mikrotraumen. Das sind scheinbar bedeutungslose Unfallereignisse, die übersehen oder bagatellisiert werden, deren Folgeerscheinungen sich aber summieren! Die Veränderungen am Gelenkknorpel stellten keinen direkten Verschleiß dar, sondern seien Antworten auf solche Mikrotraumen. A. M.