Präsident Kennedy hat seinen militärischen Berater, General Maxwell Taylor, nach Südvietnam entsandt. Des Generals Mission ist aus zwei Gründen interessant. Einmal, weil die Guerilla-Tätigkeit der kommunistischen Vietcong-Rebellen in den letzten Monaten so bedrohliche Ausmaße angenommen hat, daß man in den USA ernsthaft den Gedanken einer militärischen Intervention erwägt; zum anderen, weil Südvietnam ein Testfall ist für die neue militärische Strategie der USA, an der Taylor entscheidenden Anteil hat.

Taylors Rezept lautet: Amerikas Streitmacht muß so umgerüstet werden, daß sie wieder begrenzte konventionelle Kriege ohne Atomwaffen zu führen vermag. Diese Strategie der „flexiblen Reaktion“ soll die Vereinigten Staaten in die Lage versetzen, jeder aggressiven Herausforderung an jedem Ort mit den geeigneten Waffen entgegentreten zu können.

Südostasien ist das klassische Beispiel dafür, wie die Kommunisten, an Mao Tse-tungs Lehren geschult, die bisherige Strategie des Westens unterlaufen haben. Seit 1959 dehnt der Kommunismus sein Herrschaftsgebiet in Südostasien aus, ohne daß seine legalen Armeen einen einzigen Schuß abgegeben hätten. Diese Machterweiterung, so sagte Kennedy kürzlich in einer Rede, „beruht auf Infiltration statt Invasion, auf Unterkühlung statt Abstimmungen, auf Einschüchterung statt freier Wahlen, auf Guerillas in der Nacht statt Armeen bei Tag.“

An zwei Stellen ist der kommunistische Druck am stärksten: in Laos und im Nachbarland Südvietnam. Über die Neutralität von Laos wird verhandelt, in Südvietnam wird gekämpft. Gekämpft wird dort freilich schon seit Jahren; und dieses Ringen ist verbissen und härter, als es der Operettenkrieg in Laos je war. Während der letzten zwei Jahre sind in Südvietnam jeden Monat fast so viele Menschen getötet worden wie im ganzen laotischen Bürgerkrieg.

In Laos verhandeln jetzt die Prinzen über die künftige Regierung, die eine neutrale Politik sichern soll. Aber diese Neutralität wäre noch mehr gefährdet, als sie es ohnehin schon ist, wenn in Südvietnam die Kommunisten weiter an Einfluß gewönnen. Umgekehrt ist auch die südvietnamesische Regierung an geordneten Verhältnissen in Laos interessiert, weil die Vietcongs von laotischem Gebiet aus operieren.

Vorerst freilich hat es den Anschein, als ob die südvietnamesische Regierung noch nicht bereit ist, amerikanische Truppen zu Hilfe zu rufen. Sie befürchtet, daß die Kommunisten dann von ihren Operationsbasen in Laos aus zum offenen Angriff übergehen werden. Auch glaubt Diem, er könne selber mit dem Problem fertig werden; ohnehin, so erklärte er Vizepräsident Johnson, sähe er es ungern, wenn „Weiße gegen Gelbe kämpften“. In den USA dagegen gibt es einflußreiche Militärs, die meinen, nur mit einer gleichzeitigen Intervention in Laos und in Südvietnam könnte der Vormarsch der Kommunisten gestoppt werden.

Die US-Regierung hält sich noch zurück. General Taylor erklärte vor seinem Abflug, nur wenn es „absolut unumgänglich“ sei, würden die USA Truppen nach Südvietnam schicken. Bei den Gesprächen, die der General in Südvietnam führt, wird es also in der Hauptsache darum gehen, wie die Kampfkraft der 150 000-Mann-Armee Südvietnams verstärkt und die politische und wirtschaftliche Situation des Landes stabilisiert werden kann. Schon jetzt sind etwa 700 amerikanische Militärberater im Land, die die Südvietnamesen im Guerillakrieg ausbilden, aber immer noch ist die Kampfkraft der Armee unbefriedigend.

Seit Jahren fließt reichlich Militär- und Wirtschaftshilfe nach Südvietnam, doch allzuoft wurde sie nicht richtig genützt. Wenn Taylors These richtig ist, daß man die Kommunisten nur mit einer flexiblen Strategie schlagen kann, so gehört zu dieser Strategie auch, daß Südvietnam politisch und wirtschaftlich unangreifbar wird. Es wird General Taylor einige Mühe kosten, auch diesen Teil seiner Strategie bei Präsident Ngo Dinh Diem durchzusetzen. R. Z.