Die „Endzeit des Romans“, von der Thomas Mann spricht – sie beginnt in Deutschland eigentlich schon um 1800. Der deutsche Roman entsprang nicht – wie der französische oder der englische – der Fülle des wirklichen Lebens, sondern dem interpretierenden Gedanken. Er entwickelte sich nicht aus der Abenteuergeschichte oder dem Hintertreppenroman, sondern aus dem philosophischen Kommentar. Er ist also als degeneriertes Kind zur Welt gekommen. Der „Godwi“ des Clemens Brentano oder der „Heinrich von Ofterdingen“ des Novalis wurden in Retorten präpariert. Und wie die frühesten deutschen Dramen ein genialer Theoretiker geschrieben hat, so ist auch einer der frühesten deutschen Romane im Laboratorium eines genialen Kritikers entstanden. Nur daß Friedrich Schlegels „Lucinde“ sofort vom Tod gezeichnet war, während Lessing immerhin Kraft genug hatte, um der Minna, dem Nathan und der Emilia Leben für Jahrhunderte einzuhauchen.

Sie alle – Novalis, Brentano, Schlegel und später Mörike, Eichendorff, Immermann – nahmen die Romanform nicht sehr ernst, weil sie zu ihr überhaupt kein Vertrauen hatten. Oft distanzierten sie sich von ihrer Handlung und ihren Gestalten und behalfen sich mit reizvollen Einschüben, denen jedoch nichts Episches anhaftet. Die Reflexion trieb die deutschen Romantiker zum Roman. Aber der Strom des Erzählens war meist schwächlich und wurde schnell wieder in den uferlosen Ozean der Meditation gelenkt. Das Diskursive, Essayistische und Philosophische zersetzte das Epische.

Das offensichtlich ironische und höchst mißtrauische Verhältnis der Romantiker zur Kunstform des Romans hat fast die gesamte nennenswerte deutsche Prosa des neunzehnten Jahrhunderts geprägt. Erst in den achtziger Jahren vermochte ein mittelmäßiger Lyriker das Erbe der Romantiker im Bereich der Epik lächelnd zu überwinden. Obwohl ein deutscher Romancier, war Fontane ein geborener Erzähler. Seine Romane stehen auf eigenen Beinen. Das soll heißen: Was er zu sagen hatte, konnte er ins Epische umsetzen. Die großen autobiographischen Entwicklungsgeschichten der Klassiker und die Prosabücher der Romantiker waren im Grunde Pseudoromane. Der eigentliche deutsche Roman – ich weiß, ich übertreibe – das ist Fontane und die Folgen.

Aber so groß auch Fontanes segensreicher Einfluß auf die deutschen Romanciers war, die um 1900 zu schreiben begannen, so wenig konnte er verhindern, daß sich auch im zwanzigsten Jahrhundert das Erbe der Romantik immer wieder auf diese oder jene Weise bemerkbar machte. Hinzu kamen später die durch ganz andere Umstände verursachten und nicht zu unterschätzenden Auflösungstendenzen des westeuropäischen Romans. Manberuft sich heute gern auf einen Ausspruch von Thomas Mann, der in der „Entstehung des Doktor Faustus“ sagte, für ihn komme auf dem Gebiet des Romans nur noch das in Betracht, was „eigentlich kein Roman mehr sei“.

Dieses sehr persönliche Bekenntnis wird – ganz zu Unrecht – verallgemeinert. Über Epik, die nicht mit fremden Elementen durchsetzt ist, sprechen viele geradezu verächtlich. Die übersichtliche, fesselnde Erzählung gilt als unmodern, konventionell, altväterlich oder gar dümmlich. Wenn es heutzutage in Deutschland geborene Erzähler gibt, dann leiden sie oft unter dem Komplex, harmlose und biedere Epigonen zu sein. Das ist ein ebenso bedauerlicher wie für die Literatur gefährlicher Weg – und der Kritiker sollte wohl alles tun, was in seiner Macht steht, um derartige Fehlentwicklungen zu verhindern. Damit kommen wir zum Fall Heinz von Cramer.

Es genügt, die ersten Kapitel der „Konzessionen des Himmels“ zu lesen, um zu wissen, daß dieser siebenunddreißig Jahre alte Schriftsteller, der Verfasser der Romane „San Silverio“ und „Die Kunstfigur“, die ich leider nicht kenne, ein Epiker ist. Er erzählt, um ein Stück Leben zu zeigen, um menschliche Schicksale und die Welt sichtbar zu machen.

Seine Wirkung zieht er aus der Form und Fülle der dargestellten Welt, über die er vom festen, überschauenden Standpunkt des Epikers berichtet. Und da er außerordentlich empfänglich für sinnliche Eindrücke ist und überdies große sprachliche Kraft hat, gelingt ihm das, wovon jeder Erzähler träumt: Uns zu umgarnen. Dies gilt vor allem für die erste und in mancher Hinsicht beste Geschichte des Bandes: „Die Wilden vom Kap“.