Im September sah es so aus, als sei die Welt einer Explosion nahe. Inzwischen hat sich der Horizont wieder ein wenig aufgehellt; die unmittelbare Explosionsgefahr scheint zunächst einmal gebannt zu sein. In seiner Eröffnungsansprache vor dem XXII. Parteitag ist Nikita Chruschtschow jedenfalls einen Schritt vom Rande des Abgrunds zurückgetreten, auf den er noch vor vier Wochen mit rücksichtsloser Direktheit zusteuerte.

Mit dem Bau der Berliner Mauer und der Wiederaufnahme der Atomwaffenversuche hatte der sowjetische Ministerpräsident die Temperatur des Berlin-Konfliktes drastisch erhöht. Mobilmachung und Gegenmobilmachung beherrschten danach die ost-westliche Szene, harte Rede und Widerrede das diplomatische Gespräch. Dann kamen die Fühlungnahmen zwischen den angelsächsischen Staatsmännern und dem sowjetischen Außenminister Gromyko. Sie brachten den Konflikt einer Lösung nicht sichtbar näher, aber sie bewirkten immerhin eines: Die weltpolitische Siedehitze hat wieder nachgelassen. Offenbar ist dem amerikanischen Präsidenten dabei gelungen, was er Anfang Juni in Wien vergeblich versucht hatte – nämlich seinem sowjetischen Gegenüber klar zu machen, daß die Westmächte fest entschlossen sind, sich von der Terrorstrategie und den Ultimaten des Kremls weder ins Bockshorn jagen noch in die Knie zwingen zu lassen. Chruschtschow zog daraus die Konsequenz. Er hat sein Berliner Kautschuk-Ultimatum abermals verlängert.

"Wenn die Westmächte Bereitschaft zeigen, das deutsche Problem zu regeln", so sagte er in seiner Marathonrede am Dienstag, "dann wird die Frage der Terminfestsetzung für die Unterzeichnung eines deutschen Friedensvertrages nicht von solcher Wichtigkeit sein. Wir werden dann nicht darauf bestehen, den Friedensvertrag vor dem 31. Dezember 1961 zu unterzeichnen." Und er deutete seine Bereitschaft an, sich mit den Westmächten um eine für beide Seiten annehmbare Lösung zu bemühen.

Gewiß hat der Sowjetpremier vor dem Parteikongreß keinerlei Andeutungen über das Maß seiner Kompromißbereitschaft gemacht; vielmehr hat er seine Maximalziele – Friedensverträge mit zwei deutschen Staaten, entmilitarisierte freie Stadt Berlin – wiederum in aller Härte formuliert. Auch setzte er hinter seine konzilianteren Ausführungen mit der Ankündigung, die Sowjetunion werde ihre gegenwärtige Atomversuchsserie am 31. Oktober mit der Explosion einer 50-Megatonnen-Bombe abschließen, ein brutales Ausrufezeichen.

Dennoch aber blieb der Eindruck, daß er im Augenblick nicht die Absicht hat, die Dinge auf die Spitze zu treiben. Eine nukleare Katastrophe wünscht er, wie er an einer Stelle seiner Rede andeutete, ebensowenig wie die Westmächte – und er kann sie auch gar nicht wünschen in einem Augenblick, da er seinem Volk verspricht, daß endlich der Traum vom besseren Leben Wirklichkeit werden soll. Ganz offensichtlich aber haben ihn die Taten und Worte des Westens in den vergangenen Wochen davon überzeugt, daß er eben diese Katastrophe heraufbeschwören werde, wenn er weiterhin stur auf Kollisionskurs steuere.

So bequemt sich Chruschtschow denn in seinen taktischen Methoden wieder zu mehr Vorsicht und Umsicht. Gleichwohl wird man sich vor verfrühtem Optimismus hüten müssen, denn seine strategischen Ziele hat der Kremlherr nicht aufgegeben. Die Lage ist im Augenblick entschärft, aber sie ist keineswegs entspannt. Und wie eine Regelung für Berlin und Deutschland eigentlich aussehen soll oder aussehen könnte, weiß heute noch niemand mit Sicherheit zu sagen.

Nur die Ausgangspositionen sind klar. Die Sowjets erstreben die Maximalanerkennung der Zone durch den Westen als Gegenleistung für die Minimalanerkennung der westlichen Rechte in Berlin; der Westen sucht umgekehrt die Maximalanerkennung seiner Berlin-Rechte gegen die Minimalanerkennung der Zone. Wo zwischen diesen Extremforderungen der Mittelweg eines möglichen Kompromisses verläuft – das zu erforschen, wird die Aufgabe der nächsten diplomatischen Erkundungsrunde sein.