Von Martin Beheim-Sclnvarzbncli

In der merkwürdig unvollständigen Bibliographie am Schlüsse des Bändchens (die ro-ro-ro-Klassiker sind doch sonst so zuverlässig) findet sich der Vermerk „Der verzauberte Wanderer, Hamburg 1957“, woraus man schließen darf, daß dieses Werkchen Nikolaj Leskovs (wie er im vorliegenden Fall buchstabiert wird; die Schreibweise schwankt bei uns), das ebenso klein wie großartig ist, schon einmal, wer weiß wo und wie, erschienen ist; aber „man“ kennt es einfach nicht, es ist, wie es mit nicht wenigen, auch großartigen Werken so geschehen kann, bisher unter den Tisch gefallen, und meines Wissens hat noch kein Hahn darum gekräht. Darum will ich hier nun, wo nicht krähen, wohl aber laut und begeistert reden über das Buch

Nikolaj Leskov: „Der verzauberte Pilger“, übersetzt von Arthur Luther; Rowohlts Klassiker. Rowohlt Verlag, Reinbek; 131 S., 1,90 DM

welches, wie gesagt, zu den bisher fast unbekannten Geschichten Leskovs gehört, obgleich man außer dem im Anhang erwähnten Vermerk „Hamburg 1957“ vorne auch noch den Vermerk „mit Genehmigung des Ralf Steyer Verlages Wiesbaden“ findet, der uns mit der noch unklaren Vermutung läßt, es könne auch dort schon einmal publiziert sein oder gewesen sein. Habent sua fata... Gleichviel, über dieses Buch soll endlich einmal geredet werden.

Es scheint mir das allerrasanteste, was dieser so ungeheuer heftige, farbige, phantasiefrohe, saftige russische Erzähler überhaupt geschrieben hat. Es ist kein zusammenhängender Roman, sondern ein loser Lebenslauf und Erlebnisbericht eines höchst abenteuerlichen Pilgers echt russischer, altrussischer Art: er reiht eine Folge von skurrilen, grotesken, bald grausigen und bald gemütstiefen Erlebnissen zu einer wahren Odyssee aneinander, die der homerischen an Abenteuerlichkeit um nichts nachsteht. Wie soll man alle die Tonarten kennzeichnen, über die dieser Erzrusse verfügt, ohne daß er doch je aus seinem typischen, erschreckenden, fesselnden erz- und altrussischen Geleis geriete! Es ist etwas Wüstes und Grausiges darin, aber auch viel Frommes und Inniges; ein wahrscheinlich unbeabsichtigter und dabei überlebensgroßer Humor, Leidenschaft, Selbstvergessenheit, Charlatanerie, Menschenliebe, Güte, Grausamkeit, und selbstverständlich die russische Zerknirschung, die wir von den größten Russen kennen, und der russische Suff! Das alles führt einen sinnverwirrenden Tanz auf, bei dem man fortwährend von einer Unglaubwürdigkeit zur anderen geworfen und schockiert wird, um doch immer wieder von einer faszinierenden Sachlichkeit und Detailtreue, die wieder glaubwürdig wirkt, gefangen zu werden. Man liest das atemlos durch: der denkbar farbenfreudigste Bericht einer unwiederbringlich verlorenen Welt, um die es, den Weltverbesserern zufolge, nicht schade sein soll und um die es doch so jammerschade ist, weil sie von lebenstrotzenden Menschen bevölkert war und nicht von Ameisen.

Das (nicht allzu anschauliche) Nachwort versichert, ein wie gewissenhafter, bemühter, sozialer, fortschrittsfreudiger Mensch und Autor Nikolaj Leskov gewesen sei... Zum Teufel damit, deren gab und gibt es genug. Er war ein Satanskerl von einem Erzähler. Es spritzt und sprudelt, flammt und lodert. Seine Figur, eben die dieses Pilgers, der kreuz und quer durch das Riesenland geschleift wird als Spielzeug einer mystischen Bestimmung, läßt zwischen den chaotischen Strängen seines Charakters viel orthodoxe Gläubigkeit hervorschießen, aber von sozialer Gesinnung kaum etwas ahnen, Sein Pilgertum hat so wenig von der romantischen Grundgesinnung des deutschen „Wanderers“ wie von der Religiosität des russischen Pilgers an sich – es hat dagegen viel vom Eulenspiegel und vom Münchhausen, ebenfalls vom Odysseus an sich, dies alles in satte, heftige russische, altrussische Farben getaucht, daß es eine wehmütige Lust ist, sich in diese ferne verlorene Welt hineinzuversetzen, und zudem eine gewaltige Spannung, die einen nicht losläßt.

Und auch dies noch, ich möchte es am Schlüsse noch ganz kurz zitieren, um die übrigens ganz unauffällige, unaufdringliche Reichweite des Dichters darzutun: daß Leskov seinen Pilger, der schließlich „dahin geführt wird, wohin er nicht will“, nämlich ins Kloster, einmal in die Worte ausbrechen läßt: