Im Parlament eines Landes stand im Jahre 1911 die Gehaltserhöhung des Generalstaatsanwalts auf der Tagesordnung. Einige Parteien waren dafür, einige dagegen, wie es ja nun einmal so ist, und dann sagte der Präsident: „Wir kommen zur Abstimmung.“

In diesem Augenblick aber erhob sich der Abgeordnete Pacoll und gab eine Erklärung zur Geschäftsordnung ab. „Herr Präsident, meine Herren“, sagte er. „Die Abgeordneten des Hohen Hauses haben die Pflicht, ihre Entscheidungen ausschließlich im Interesse unseres Landes zu treffen, niemals aber im Interesse der eigenen Person. Da es sich hier um die Gehaltserhöhung des Generalstaatsanwalts handelt, und weil ich nun einmal selbst dieser Generalstaatsanwalt bin, halte ich mich für befangen. Ich habe mich daher an der Debatte nicht beteiligt und werde vor der Abstimmung den Saal verlassen.“

Diese Erklärung machte einen sehr guten Eindruck auf die Abgeordneten, sie klatschten Beifall, der Generalstaatsanwalt verließ den Saal, und dann wurde die Erhöhung seines Gehalts mit großer Mehrheit beschlossen.

Das gute Beispiel, das hier gegeben wurde, sollte Folgen haben. Als nämlich kurz darauf die Erhöhung der Beamtengehälter diskutiert wurde, hüllten sich diejenigen Abgeordneten, die selbst Beamte waren, in Schweigen, und vor der Abstimmung verließen auch sie den Saal.

Ähnlich verlief eine Sitzung, in der über die Erhöhung der Zölle für Butter und Eier beraten werden sollte. Die Abgeordneten, die von Beruf Landwirt waren, erhoben sich und verließen, weil sie sich befangen fühlten, geschlossen den Saal.

So gingen die Jahre in diesem gesegneten Lande dahin. Das Parlament tat vorbildlich seine Pflicht, aber es konnte nicht verhindern, daß, wie überall in der Welt, auch hier alles teurer wurde. Eines Tages stand der Präsident auf, schüttelte alle Hemmungen von sich ab und sagte: „Die Preise in unserem Lande sind weit mehr gestiegen als die Einkommen, und ich bin der Meinung, daß die Herren Abgeordneten die besonderen Kosten, die ihr Beruf erfordert, auf die Dauer nicht mehr in voller Höhe selbst tragen können. Hinzu kommt, daß die Mitglieder fast aller Parlamente der Welt schon seit vielen Jahren Tagegelder, sogenannte Diäten, erhalten. Ich beantrage daher die Gewährung von Diäten auch für unsere Abgeordneten, in welcher Höhe, das möge das Parlament selbst beschließen.“

Darauf eröffnete der Präsident die Debatte, aber siehe da, nicht einer meldete sich zum Wort, und als zur Abstimmung geläutet wurde, verließen (weil sie sich befangen fühlten) alle Abgeordneten den Saal.

Dem Präsidenten blieb nichts anderes übrig, als das Parlament zu seiner vorbildlichen Haltung zu beglückwünschen. Dann stellte er die Beschlußunfähigkeit des Hauses fest, und auf diese Weise würden die Abgeordneten bis auf den heutigen Tag keine Diäten erhalten, wenn das, was hier erzählt wurde, keine satirische Betrachtung, sondern eine wahre Geschichte wäre. Hans Riebau