N. A., London, im Oktober

Der Parteitag der englischen Konservativen, der letzte Woche in Brighton über die Bühne ging, war ohne Zweifel der erfolgreichste Parteitag seit Kriegsende. Entgegen allen Erwartungen überwanden die Delegierten ihren traditionellen Hang zur extremen Rechten und ließen sich von jenen Ministern, die ihre Thesen mit Schwung und Begeisterung vorzutragen wußten, in eine Stimmung versetzen, in der sie allen möglichen Beschlüssen ihre Zustimmung gaben, die sie normalerweise wohl abgelehnt hätten.

Typisch dafür war der Sieg des liberal eingestellten Innenministers Richard Butler: er schaffte es, den jährlich wiederkehrenden Antrag auf Wiedereinführung der Todesstrafe für alle Mörder und der Prügelstrafe für bestimmte andere Vergehen zu Fall zu bringen. Einen Ausländer mag das seltsam anmuten, aber für die geistige Verfassung der Konservativen besagt dies ungeheuer viel: Sie werden liberaler. Das zeigte sich auch daran, daß die Minister die zum größten Teil skeptisch eingestellten Delegierten mit ihrer Begeisterung für den Gemeinsamen Markt anzustecken verstanden. Die beiden gefährlichsten Hürden, den Eintritt in die EWG und die Frage der Strafreform hat Macmillan also mit Triumph überwunden. In seiner Schlußansprache gelang es ihm zudem, wiederum einen typischen Macmillan-Slogan zu prägen: Jedem Engländer seine 1000 Pfund Jahresverdienst – im Durchschnitt.

Der Parteitag von Brighton könnte denn sehr wohl das angeschlagene Prestige der Konservativen wieder reparieren. Freilich bargen einige der Reden auch allerhand Zündstoff für die Zukunft – etwa der Vorschlag des Schatzkanzlers Selwyn Lloyd, fortan die Lohnerhöhungen in eine feste Relation zur Steigerung des Sozialproduktes zu setzen. Die Sozialisten und Gewerkschaftler betrachten das als kapitalistische Diktatur in Reinkultur. Ohnehin stehen Großbritannien mit dem Eintritt in die EWG und vielerlei Streikdrohungen stürmische Wirtschaftsauseinandersetzungen bevor. Jeder Versuch der Regierung, Lohnerhöhungen aus der Kompetenz der Tarifpartner zu lösen, würde diese Spannungen nur noch vergrößern – Spannungen, die schon der gegenwärtige Rückgang der Aufträge bei gleichzeitigen Forderungen nach höheren Löhnen zu verschärfen droht.

Dabei ist die Konservative Partei heute beileibe nicht mehr die Partei der besitzenden Klasse. Ein Artikel, der kürzlich in der Wochenzeitung „Time and Tide“ erschien, untersuchte die Zusammensetzung der konservativen Abgeordneten im Unterhaus. Er kam zu dem Ergebnis, daß die Tory-Partei heute keineswegs mehr bestimmte Wirtschaftsinteressen vertrete. Sie repräsentiere vielmehr jene Gesellschaftsgruppe, die sich auf der sozialen Stufenleiter nach oben arbeitet – die leitenden Angestellten mit den neuen hohen Gehältern – und jene andere Gruppe, die Sprosse um Sprosse nach unten rutscht – die Überbleibsel der Kaufmannsschichten des 19. Jahrhunderts, die noch immer ganz oder teilweise von ihren Zinsen leben.

Die Analyse erwies, daß die Großgrundbesitzer im Parlament seit der verheerenden Niederlage der Konservativen im Jahre 1945 kaum mehr vertreten sind. Sie zeitigte ferner das überraschende Ergebnis, daß die Unterhausfraktion der Konservativen durchaus nicht die Interessen der Industrie vertritt. Die Abgeordneten mit Beziehungen zur Industrie sind in den meisten Fällen Aktienbesitzer, nicht aber Direktoren. Während der letzten zehn Jahre sind die Industrie-Lobbys davon abgegangen, ihren Einfluß geltend zu machen, indem sie die Parteien infiltrieren, also ihre eigenen Leute ins Parlament einschleusen. Heutzutage wenden sie sich lieber direkt – und geheim – an die Minister und die Ministerialbeamten. Dieser Wandel in der Taktik der Lobbyisten fällt nicht von ungefähr mit der Bildung riesiger Industrieimperien zusammen.

Der Artikel in „Time and Tide“ kommt zu dem Schluß, daß jede Partei, die keine deutlich abgrenzbaren Interessen mehr vertritt, mehr und mehr ihre Zuflucht zu materialistischen Versprechungen an alle nehmen muß – „ihr habt es nie so gut gehabt“. Heute freilich sieht sich dieselbe Regierung, die mit diesem Schlagwort die letzte Wahl gewonnen hat, in der ungemütlichen Lage, daß sie ihre Wähler auffordern muß, den Gürtel enger zu schnallen. Diese Aufforderung hätten die Briten von den Konservativen zuletzt erwartet. Das Kabinett muß sich jedoch dazu entschließen, wenn England mit den Anpassungsschwierigkeiten fertig werden will, die sein Anschluß an den Gemeinsamen Markt unvermeidlich mit sich bringen werden.