Paris, im Oktober

Paris kommt aus dem Festrausch nicht mehr heraus. Ununterbrochen werden am Grabe des Unbekannten Soldaten Kränze niedergelegt, exotische Diplomaten in die Oper geführt, Insassen städtischer Kinderheime von zugereisten Königinnen und Präsidentengattinnen abgeküßt, ununterbrochen wird im Elysée die „corbeille de foie gras Lucullus“ aufgetragen, während der Champagner strömt und die Garde Républicaine den Triumphmarsch aus „Aida“ in den Saal schmettert. Ununterbrochen versammeln sich die Concierges an den Champs Elysées, um fremde Potentaten zu bejubeln, die ihre Namen in Gästebücher kritzeln.

Politikergattinnen aller Erdteile träumen davon, sich von Kulturminister Malraux einen impressionistischen Akt oder den Park von Versailles erläutern zu lassen. Nach einem hierzulande für Touristen ersonnenen Spiel könnte man de Gaulles Regime die „Republique des sons et lumières“ nennen. Journalisten neigen vielleicht eher dem Begriff „Schallund-Rauch-Republik“ zu – schon wegen der Plastikbomben.

Ohne Zweifel verrät diese Lust zu repräsentieren den politischen Stil und Charakter des derzeitigen Staatspräsidenten. Es ist ihm eine rechte Notwendigkeit, sich durch hohe ausländische Besucher und jubelnde Massen als Verkörperer der staatlichen Autorität und beliebter Landesvater bestätigt zu sehen. Von Provinzreisen kehrt er wie aus einem geistigen Gesundbrunnen zurück. Sie scheinen ihm die Kraft zu liefern, die er im politischen Tageskampf für jene totale Unabhängigkeit braucht, die den Amerikanern als unbegreifliche Halsstarrigkeit erscheint.

Man findet außerhalb Frankreichs wenig Geschmack an Staatsmännern solcher Prägung. So muß es beispielsweise auf den ersten Blick überraschen, daß sich der deutsche Bundeskanzler mit de Gaulle offenbar recht gut versteht. Sie haben wenig gemeinsam. Adenauer liebt den politischen Kampf, nicht den Applaus. Er ist ein Mann des einfachen Wortes, dessen Verhältnis zur Sprache die deutsche Publizistik bekanntlich mehr als einmal erheitert hat. De Gaulles Reden dagegen sind oft auch eine schriftstellerische Hilfeleistung. Umgekehrt vermag der französische Staatspräsident – sehr zum Nachteil seiner Politik – jener harten, nüchternen Schreibtischarbeit, wie sie der Bundeskanzler praktiziert, keinerlei Geschmack abzugewinnen. Was den beiden so verschiedenartigen Staatsmännern jedoch häufig eine gemeinsame Sprache verlieh, war die Übereinstimmung ihrer politischen Grundkonzeption und der unerschütterliche Wille, unbeirrt daran festzuhalten. Es betraf dies beispielsweise die Notwendigkeit der politischen Integration Europas.

Zu solchen Erinnerungen konnte man sich jüngst in Paris veranlaßt sehen, als Professor Erhard durch seinen Besuch im Elysée wie mit einem Gongschlag eine neue Ära zu eröffnen schien. Das Ereignis fiel zusammen mit den Bemühungen um die Regierungsbildung in Bonn und den Auftakt zu den EWG-Verhandlungen Großbritanniens. Es war also mehr als nur die Höflichkeitsvisite eines befreundeten Wirtschaftsministers oder ein Gespräch mit dem gegenwärtigen EWG-Ministerratsvorsitzenden.

Dennoch hat die Begegnung nur wenige Kommentare hervorgerufen. Die krasse Gegensätzlichkeit der beiden Männer wirkte allzu verblüffend. Es schien einfach unmöglich, daß der General sich der pragmatischen Sprache wirtschaftlicher Vernunft zugänglich zeigen könnte. Und außerdem verkörperte der Gast aus Bonn für die französische Öffentlichkeit eine Möglichkeit deutscher Politik, der sie nur mit Mißtrauen begegnen kann: eine Art europäischer Unzuverlässigkeit. Denn liebt er nicht England und hat er nicht Erfolg damit?