Längere Kinder brauchen kleinere Möbel

„Sehr geehrte Herren, als Abonnent Ihrer Zeitung – und als Vater zweier Töchter von dreieinhalb und fünf Jahren – freute ich mich über manchen ‚kinderfreundlichen‘ Artikel. Zur Zeit will ich an die Einrichtung eines Kinderzimmers gehen. Auf die Hilfe auch größerer Möbelgeschäfte kann ich dabei jedoch nicht rechnen, denn überall wurde mir erklärt: ,Kindermöbel? Nein, führen wir nicht; Sie müßten sich schon etwas aus den Anbauserien zusammenstellen.’ An wen eigentlich muß ich mich wenden, um Kindermöbel zu bekommen?

Hans Schwind, Rüsselsheim/Main.“

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Kindermöbel? Aber natürlich. Wollen Sie bitte so nett sein...?“ In der vierten Etage eines bekannten Möbelgeschäfts in der immerhin größten Stadt der Bundesrepublik, in Hamburg, fanden sich in zwei halben Räumen: Ein Etagenbett (90 mal 190 cm), ein Kleiderschrank (100 mal 55 mal 172 cm, zwei Drittel für Kleider, ein Drittel für Wäsche); von einem anderen Hersteller waren ein Tisch (für Drei- bis Fünfjährige) und zwei passende Stühle, einfach, stabil, mit 27 Mark relativ billig, zu sehen. „Haben Sie noch andere Modelle?“ Der Verkäufer im weißen Kittel: „Wir haben hier den Katalog einer anderen Firma, aber das müßten wir erst für Sie bestellen ...“ Es waren Möbel von jenem formalen Mittelmaß, das niemandes Geschmack verletzen soll und viele Wünsche offenläßt. In anderen, auch sehr renommierten Geschäften, wurden zum Teil farbige Kindermöbel aus hartem Kunststoff feilgeboten, freilich zu imponierenden Preisen. Ein Kinderstuhl kostete 48 Mark. Viele andere Läden führten – wie in Rüsselsheim – Kindermöbel gar nicht. Warum nicht?

Direktor Heyn von den „Deutschen Werkstätten“, die gerade in diesen Tagen zwei Kinderhocker aus Stahlrohr mit geflochtenen Sitzen verschiedener Höhe, entworfen von Helmut Magg, vorgestellt haben, sagt: „Die intelligenten Eltern, die sich dafür interessieren, können es meist nicht bezahlen; die Wohlhabenden zählen kaum, und die anderen geben dafür kein Geld aus, entweder, weil sie Kindermöbel für überflüssig halten, oder weil sie einfach keinen Platz dafür haben.“ Vor einem Jahr hatte Professor Hildegard Hetzer in einer Untersuchung mitgeteilt, daß es nicht nur an öffentlichen Spielplätzen mangele – ein Drittel aller Kinder in der Bundesrepublik nenne in der Wohnung nicht einmal die kleinste Spielecke sein eigen, von eigenen Kinderzimmern gar nicht zu reden.

Zu spät gepriesen