Das Für und Wider zum Abbruch des Sportverkehrs in Deutschland

Von Gerhard Milner

Mit ihrem überraschend schnellen Düsseldorfer Entschluß der völligen Einstellung des gesamtdeutschen Sportverkehrs vom 16. August, also nur drei Tage nach jenem Schicksalssonntag in Berlin, haben die Spitzengremien des Deutschen Sportbundes (DSB) und des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) die Politiker auf ihrem eigenen Feld um Längen geschlagen, wenn nicht gar mehrfach überrundet. Die Politiker waren von dieser Entscheidung so angenehm überrascht, daß der Bundesaußenminister und der Regierende Bürgermeister von Berlin sich wie faire Sportsleute mit nicht geringerer Schnelligkeit beeilten, den deutschen Sport zu dieser Initiative zu beglückwünschen. Sie konnten wirklich nicht ahnen, daß ihnen deshalb aus Kreisen des Sportes unter Berufung auf die „Eigengesetzlichkeit des Sportes“ in einer so hochpolitischen Frage eines Tages der öffentliche Vorwurf der „Instinktlosigkeit“ gemacht werden würde.

Wahrscheinlich hatten sie den Kommentar des Vizepräsidenten des DSB und NOK, Herbert Kunze, in der Düsseldorfer Diskussion entweder nicht vernommen oder nicht verstanden: „Die Maßnahmen der Politik und der Wirtschaft können für den Sport überhaupt keine Maßstäbe sein. Wir vermögen im Augenblick nicht die Folgen wirtschaftlicher und politischer Gegenmaßnahmen abzusehen. Die Haltung von Politik und Wirtschaft kann deshalb auch für den Sport nicht bindend sein.“

Diese Erklärung eines führenden Sportpolitikers muß immer wieder für die Beteuerungen herhalten, die Düsseldorfer Entscheidung sei eben keine politische, sondern eine rein sportliche und menschliche gewesen. Sind solche Beteuerungen, ausgesprochen in der Form der üblichen Verwahrungen, wirklich von Nutzen? Sie stiften eher Verwirrung und beleuchten das Dilemma der Sportführung der Bundesrepublik, die wirklich nicht mehr zu beweisen braucht, daß sie in einem schroffen Gegensatz zu den kommunistischen Sportfunktionären völlig unabhängig von den Ansichten der Bundesregierung ihre Entscheidungen treffen kann. Wer nämlich den ausführlichen Kommentar des Präsidenten des Deutschen Sportbundes, Willi Daume, liest, den er am 25. August zu den Düsseldorfer Entschlüssen abgab, der merkt, daß es sich dabei doch um eine von großem Verantwortungsbewußtsein getragene Erklärung eines politisch handelnden Sportsmannes handelt.

„Unpolitisch“ ist an der Entscheidung vom 16. August höchstens der fast schwärmerisch idealistische Versuch, kommunistische Gewaltmaßnahmen wie die des Ulbricht-Regimes auch nach sportlichen Grundsätzen zu messen und zu mißbilligen. Die Funktionärslakaien an der Spitze des NOK und des DTSB der DDR riefen in ihrer Gegenreaktion „die olympische Idee vom Frieden und von der Völkerfreundschaft, von der gegenseitigen Achtung und der Verständigung der Sportler in aller Welt“ zu Hilfe und bekannten sich denn auch eilfertig und heuchlerisch zum „Freihalten des Sportes von jeder politischen Einmischung“. Auch in unserer freiheitlichen Demokratie kann sich der Sport in solchen Lebensfragen der Nation nicht abseits von der Politik stellen oder gar unpolitisch gebärden, wenn er schon in so klarer Form Stellung bezieht. Es gibt keine sportliche Entpolitisierung der Politik!

Einhellige Zustimmung wird die Sportführung der Bundesrepublik mit ihrer Erklärung gefunden haben, daß jedes Gespräch und jede gesamtdeutsche Verhandlung mit den Zonenfunktionären ihren Sinn verloren haben. Dennoch werden manche besorgten Zweifel innerhalb der deutschen Sportbewegung an der Richtigkeit und Klugheit aller in Düsseldorf getroffenen Maßnahmen den verantwortlichen Sportpersönlichkeiten nicht verborgen geblieben sein. Es geht dabei lediglich um taktische und menschliche Erwägungen.