Von Werner Ross

Zu der Zeit, als man die „Modernen“ noch ungestraft lächerlich machen konnte, wurde ein Gedicht von Ungaretti als Beispiel zitiert. Es kann getrost ganz hierhergesetzt werden: „M’illumino d’immenso“ heißt es. Drei Worte, sagten die Spötter, sollen da schon ein Gedicht machen. Wo man doch an Wortkaskaden gewöhnt war, wo die Dichter Architekten für Wortgebäude waren. Heute füllen, nein, erhellen diese drei Worte eine ganze weiße Seite in dem Bändchen

Giuseppe Ungaretti: „Gedichte“, italienisch und deutsch, übersetzt von Ingeborg Bachmann; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 161 S., 4,80 DM.

Der einen weißen Seite gegenüber stehen auf der anderen fünf deutsche Worte: „Ich erleuchte mich/durch Unermeßliches.“ Die Überschrift dieses Gedichtes heißt „Morgen“. Was dem fühlenden Menschen an jedem Morgen passiert, der diesen Namen verdient, ist hier beschrieben: Die metaphysische Minute, das Weiten der Brust, das Hellwerden des Auges.

Inzwischen hat man auch zur Kenntnis genommen, daß die Japaner eine Gedichtgattung pflegen, die nicht mehr als siebzehn Silben haben darf. Das Wortspiel, daß der Dichter ein Verdichter sei, ist geläufig geworden. Niemand findet mehr etwas daran, daß auch die Dichter sich der Abkürzung bedienen. Ungaretti, der Nestor der Moderne in Italien, ist ein solcher Chiffrendichter. Er fing in demselben Krieg damit an, in dem der Dichterfürst der Epoche, D’Annunzio, bombastische Kriegsreden hielt, hochrhetorische Flugblätter abwerfend über Wien kreiste und schließlich als pathetischer Condottiere in Fiume einzog. Der Soldat Ungaretti hingegen fand nur die kalten oder glühenden Steine des Karst, zersplitterte Baumstümpfe, Granattrichter. Ein Gedicht „Soldaten“ lautet: „So/wie im Herbst/am Baum/Blatt und Blatt.“ Der Vergleich ist uralt, homerisch, aber hier steht er, gelöst aus allen rhetorischen Zusammenhängen, aus aller Dichterhandwerkstradition – abgerissen. Das Gedicht ist schon fast ein Verstummen.

Aber selbstverständlich ist Ungaretti nicht auf Kürze verpflichtet, und das blutige Grau des Krieges ist nur eine von den Farben auf seiner Palette. Überhaupt wäre es ein betrüblicher Irrtum, wenn man die Moderne auf die Neigung zum Tristen festlegen wollte, während die Älteren fröhliche Weisen pfiffen. Wo bleibt das Positive, Herr Ungaretti? Und schon gibt der Dichter Antwort, auf vielerlei Weise. Er hat sich, sein Wrack, durch die Kriegseinöde geschleppt, „dem Schlamm ausgesetzt wie eine Schuhsohle oder wie ein Weißdornsame“. Aber dann faßt er sich, rafft er sich, redet sich ironisch an: „Ungaretti/Dulder/dir genügt eine Illusion/um dir Mut zu machen.“ Was ist geschehen? „Ein Scheinwerferliegt von drüben! ein Meer in den Nebel.“ Ach, man bleibe uns mit dem zeitgenössischen Pessimismus vom Leibe.

Zum Scheitern verdammt sind wir, sagen die Existentialisten; aber der Dichter ist dazu da, eine Gedichtsammlung unter das Motto „Allegria di naufragi“ zu stellen, „Heiterkeit der Schiffbrüche“. „Und plötzlich nimmst du/die Fahrt wieder auf/wie/nach dem Schiffbruch! ein überlebender/Seebär.“ Eine höhere Lebensheiterkeit, eine gesteigerte Lebensgewißheit destilliert sich aus den Katastrophen. Wer wollte sonst singen? Nur um Gottes willen nicht das Lamento der Kulturklageweiber. Lieber sterben.