Es fällt zwar schwer, sich den am 15. Oktober 60 Jahre alt gewordenen Bankier Dr. Hermann J. Abs an anderer Stelle zu denken als an der Spitze der Deutschen Bank. Und doch ist sein Name in den vergangenen Jahren oftmals mit nahezu allen hohen Ämtern in Verbindung gebracht worden, die unser Staat zur Zeit zu vergeben hat. Den Beweis dafür, daß Abs sicherlich ein guter „Staatsmann“ geworden wäre, hat er als Delegationsleiter der Bundesrepublik auf der Londoner Schuldenkonferenz 1951. geliefert, die auf finanziellem Gebiet die Vergangenheit liquidieren und die Kreditfähigkeit unseres Landes in der Welt wieder herstellen sollte. In den zähen Verhandlungen hat Abs niemals einen Zweifel daran gelassen, daß Schulden bezahlt werden müssen. Es ging ihm um vernünftige Konditionen und Termine, die er dann auch schließlich durchsetzte. Wenn es Abs nicht gelang, seinen Londoner Erfolg in Washington im Jahre 1955 zu wiederholen, als ihn der Bundeskanzler zum Leiter der deutschen Delegation bestellte, die über die Rückgabe des während des Krieges von den USA beschlagnahmten deutschen Privateigentums verhandelte, so ist das sicherlich nicht seine Schuld. Es hat ihn aber offensichtlich tief getroffen, als sich die Amerikaner seiner These von der „Unantastbarkeit des privaten Eigentums“ nicht anschlössen, ohne die es keine private Initiative auf dem Gebiete der Entwicklungshilfe geben kann.

Die Deutsche Bank kann sich zweifellos glücklich schätzen, daß sie Hermann J. Abs nicht an die Politik verloren hat. Warum er diesen Weg nicht gegangen ist, kann man mit Sicherheit nicht sagen. Darüber, daß er seine Staatsämter gut verwaltet und mit neuen Impulsen erfüllt hätte, gibt es wohl kaum einen Zweifel. Aber der Fachmann Abs wäre in jeder Partei ohne Hausmacht gewesen. Regieren – und dabei immer der Wähler Gunst im Auge behalten – das gehört nicht zu seinem Stil. Sein offizieller Titel bei der Deutschen Bank lautet: „Sprecher des Vorstandes“, nicht etwa Vorstandsvorsitzender (wie bei vielen Industriebetrieben) oder gar „Generaldirektor“. Aber der bescheiden anmutende Titel hat nicht verhindert, daß die Öffentlichkeit Hermann J. Abs als den „Herrn“ der Deutschen Bank betrachtet. Eine Position, die es rechtlich nicht gibt, sondern die die Persönlichkeit Abs einfach eingenommen hat.

Daß die hervorragende Kenntnis des Bankgeschäfts dafür Voraussetzung war, ist selbstverständlich. Dazu kamen aber die Gaben, die Abs von zu Hause aus mitbrachte: Messerscharfes Denken, eine ungewöhnliche Kombinationsgabe, ein phänomenales Gedächtnis und die Kunst, brillant zu formulieren, um die ihn jeder Journalist beneiden muß. Abs hat Freude an scharfen Pointen und läßt kaum eine Gelegenheit aus, sie an den Mann zu bringen. Davon weiß seine Umgebung ein Lied zu singen.

Man sagt Abs nach, daß er, ohne ein politisches Amt zu haben, dennoch auf die Geschicke der Politik einen gewissen Einfluß ausübt. Natürlich sind derartige Dinge nicht greifbar. Aber es ist zu jeder Zeit so gewesen, daß Regierungen sich den Rat großer Bankiers nutzbar gemacht haben, zumal Bankiers – ähnlich wie die Ärzte – einem Berufsgeheimnis verpflichtet sind und infolgedessen zu schweigen wissen. In Pressekonferenzen ist oftmals versucht worden, den Einfluß des Chefs der Deutschen Bank auf die Bonner Entscheidungen abzutasten. Es fiel Abs bei keiner Gelebenheit schwer, „ein Alibi“ beizubringen. „Meine Herren“, so sagte er kürzlich in Hamburg, „wenn es nach mir gegangen wäre, so hätte die DM-Aufwertung niemals stattgefunden. Man hat sie gemacht. Schon daran können Sie erkennen, welche Möglichkeiten ich habe, Bonner Angelegenheiten zu beeinflussen!“ K. W.