Von Dieter E. Zimmer

Nutz und Frommen von Synonymenwörterbüchern begreift man, je mehr man mit ihnen umgeht; mit jeder Überraschung, die sie bieten, machen sie den Benutzer bescheidener und sich selbst unentbehrlicher. Nur wer sie nicht kennt, kann sich über sie erhaben glauben. Selbst Goethe, – jedes Vorwort versichert es einem von neuem – hielt es nicht für unter seiner Würde, immer wieder eine Synonymen-Zusammenstellung zu befragen. Niemand verfügt über den gesamten Wortschatz einer Sprache – oder auch nur über ihren Alltags- und Umgangswortschatz. Bei Baudelaire hat man 25 500 Wörter gezählt, bei Valéry nur 14 000 – der Kleine Larousse enthält demgegenüber 50 000. Wenn das wenig erscheint – der Wortschatz des normalen Sterblichen, der Schriftliches von sich geben muß, ist noch viel kleiner. Wer wollte seinem mangelhaften Gedächtnis da nicht aufhelfen?

In Deutschland konkurrierten bisher zwei sehr ungleiche Werke dieser Art miteinander: der „Dornseiff“, genauer: „Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen“ des Gräzisten Franz Dornseiff, eigentlich nur die Vorarbeit zu einem griechischen Wortschatzbuch, die viel dazu getan hat, die Bezeichnungskunde (Onomasiologie) gegenüber der Bedeutungskunde (Semasiologie) zu ihrem Recht zu verhelfen, und der „Wehrle“: jener so imposant, wie dieser dürftig war.

Nein, zu Wehrles „alten Freunden“ zähle ich in der Tat nicht; nicht „bewährt“ hat sich der blaue. Leinenband mit seiner national eingestellten Fraktur im täglichen Gebrauch, wie der Verlag es vermutet und wie man es von einem Handbuch, das in elf Auflagen achtzig Jahre überstanden hat und in mehr als hunderttausend Exemplaren verbreitet ist, füglich erwarten darf: er hat immer wieder versagt; schlimmer, er hat sich lächerlich gemacht. Zu wenigen Büchern hatte ich ein so herablassend gespanntes Verhältnis wie zu diesem Dem Verlag, sei Dank, daß er ihm die Blamage einer weiteren Auflage erspart hat. Was uns jetzt als die eigentlich zwölfte vorliegt –

Wehrle-Eggers: „Deutscher Wortschatz – Ein Wegweiser zum treffenden Ausdruck“; Ernst Klett Verlag, Stuttgart; 904 S., 32,50 DM

– ist in Wahrheit ein völlig neues Buch, das den Namen „Wehrle“ nur noch aus Pietät im Schilde führt.

Hans Eggers, Ordinarius für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Saarbrücken, hat nicht nur das Selbstverständliche getan und den veralteten Wehrle auf den heutigen Stand der Sprache ergänzt (und in den letzten zwanzig Jahren hat sich einiges Entscheidende ereignet mit der deutschen Sprache, gerade ein Vergleich der beiden Bücher zeigt es deutlich); er hat nicht nur die xenophoben eckigen Klammern um die Fremdwörter beseitigt (selbst „Musik“, „Literatur“ oder „Kultur“ waren damit warnend versehen, während doch die Warnung eher vor Begriffe wie „Ahnentugend“ gehört hätte), die Umgangssprache, wie es sich gebührt, ohne Vorbehalte berücksichtigt, Prüderien ausgemerzt, Gewicht und Umfang des Bandes durch fünfjähriges Sammeln, Prüfen und Ordnen verdoppelt, aus dem lücken- und fehlerhaften alphabetischen Register am Schluß einen zuverlässigen Wegweiser gemacht (und mehr als das, nämlich ein semasiologisches Wörterbuch für sich mit rund 76 000 Stichwörtern und Redensarten) – er hat vor allem das System des Synonymenteils von Grund auf revidiert.