Ein Fabrikdirektor hat nebenbei sein eigenes Geschäft

Von ignaz Owsjannikow

Dreißig Jahre lang lebte das Ehepaar Owsjannikow in der Sowjetunion. Als „Urlaubsreisende“ emigrierten sie vor kurzem nach England, der Heimat Frau Owsjannikowas. Nachdem sie in unserer vorigen Ausgabe von ihren Sorgen, Nöten und Begegnungen im Alltagsleben der Sowjetunion erzählte, berichtet hier der 59jährige Ingenieur Ignaz Owsjannikow von seiner Tätigkeit als Direktor in großen Fabriken. Er ist einer der wenigen Sowjetbürger, die das Leben in Rußland am westlichen Lebensstil messen konnten: 1929 hielt er sich als Angestellter der sowjetischen Öl-Export-Gesellschaft in Deutschland auf, und in gleicher Mission lebte er von 1930 bis 1933 in England. Dann ging er mit seiner britischen Frau in die Sowjetunion zurück.

Ich gehörte zum sowjetischen Mittelstand. Zwar konnte ich mich nicht zu der Auslese der ganz hohen Parteiführer, Schriftsteller oder Künstler rechnen; aber ich erfreute mich eines Lebensstandards, der beträchtlich über dem der Bevölkerung lag. Stets habe ich Posten innegehabt, die Verantwortung mit sich brachten, wo allein Initiative und Bereitschaft zum Wagnis galten. Die Gehälter waren für solche Posten höher als die des arbeitenden Volkes.

Als meine Frau und ich von Moskau nach Estland übersiedelten, wurde ich, wie man es hier im Westen nennen würde, „Direktor“, und zwar in einer Spiegelglasfabrik. Später übernahm ich eine Stiefel- und Schuhfabrik und beschäftigte mehr als dreitausend Arbeiter. Dann aber gab ich diese Art Posten auf und betrieb mit meiner Frau ein mehr oder minder eigenes Unternehmen.

Meine Frau hat stets eine bemerkenswerte Erfindungsgabe gezeigt, wenn es um die Herstellung von allerlei kleinen praktischen Artikeln ging. Im Kriege zum Beispiel organisierte sie in Moskau sehr erfolgreich eine Frauengruppe, die Knöpfe herstellte. Das Rohmaterial dazu war Plasticabfall aus Flugzeugfabriken. Daraus entwickelten wir ganz für uns einen Gewerbezweig, als ich den kleinlichen Ärger und die Einmischung nicht länger ertragen konnte, die in Rußland mit der Führung einer Fabrik verbunden sind. Wir hatten uns natürlich auch dabei den Vorschriften einer „sozialistischen“ Gesellschaft zu fügen, und aller Geschäftsverkehr mußte über das Amt abgewickelt werden, bei dem wir formell beschäftigt waren. Dennoch blieb es ein Familienunternehmen, und zwar ein recht einträgliches. So pflegten die Leute uns denn auch „die Millionäre“ zu nennen.

Nach jahrelangen Versuchen und Mißerfolgen hatten wir ein System für die Herstellung von Warenzeichen-Stempeln entwickelt; unsere Methode war viel besser als die der staatlichen Fabriken. Allmählich standen wir bei den leitenden Industriellen in dem Ruf, wir könnten in kürzester Zeit Stempel von bester, Qualität herstellen. Die Nachfrage war vor allem unter den sowjetischon Unternehmen groß, die in den letzten Jahren immer mehr für den Export zu produzieren begannen, denn in der Sowjetunion selbst kümmert es niemanden viel, was für ein Etikett oder welche Herkunftsbezeichnung ein Werkzeug oder ein Tennisschläger ocer ein Auto trägt. Die Aufmachung der Exportwaren wurde die beste Grundlage unseres Geschäftes.