Die portugiesische Ärztin Dr. Yonge hat auf Grund ausgiebiger Studien die chemische Zusammensetzung des Menschen ermittelt und der staunenden Laienwelt versichert, daß für die Beurteilung des homo sapiens allein seine chemische Formel in Betracht komme. Die Skala der Madame Yonge enthält 22 verschiedene Gruppen, unter denen Stickstoff-, Natrium- und Schwefelmenschen die Hauptordnungen sind. Nach Ansicht der Ärztin ist die Zugehörigkeit zu einer dieser Kategorien maßgebend für die Entwicklung der betreffenden Persönlichkeit.

Endlich ist hier von fachweiblicher Seite mit der gar zu diffizilen Typeneinteilung der Psychologen Schluß gemacht worden. Die Machtmenschen Professor Sprangers, die rundlichen Pykniker und die blassen Leptosomen Kretschmers verschwinden von der Bildfläche, und selbst Nietzsches Übermensch erweist sich als total unhaltbar. Denn keiner dieser Männer hat je den Schwefel- oder Natrongehalt seiner Versuchsexemplare in Rechnung gezogen.

Mit einem Schlage steht die zivilisierte Menschheit vor einer völlig veränderten Situation. Nicht mehr Charakter, Temperament oder Gefühl sind bei der Wahl eines Lebensgefährten ausschlaggebend, sondern allein die Frage nach seinen chemischen Bestandteilen. „Sind sie kalziumhaltig?“ lautet die erste Frage des Verliebten, und eine Dame, die sich als typische Natronerscheinung entpuppt, hat kaum Aussicht, von einem eisenhaltigen Kavalier zum Altar geführt zu werden. Selbst die Schicksalsbedeutung der Sternbilder verblaßt, denn fortan ist es unwichtig, ob eine Jungfrau sich zu einem Skorpion hingezogen fühlt oder nicht. Bedeutsam ist lediglich die Frage, ob die beiden chemisch zusammenpassen und ob der eine Partner nicht am Ende zu viel Kohlenstoff in seinem Inneren aufgespeichert hat.

Auch bei der Berufsausbildung müssen gänzlich neue Maßstäbe angewandt werden, denn laut Angaben von Frau Doktor enthalten zum Beispiel Künstler viel Natrium und Hochstapler eine tüchtige Portion Stickstoff, während geistig hochstehende Leute reichlich mit Zucker gesegnet sind. Nitrogenfrauen neigen zur Untreue, und die Kalziumdamen sind ziemlich hausbacken.

Jedermann sollte sich jetzt mit dem Studium der Chemie befassen, denn nur die richtige Diagnose des Mitmenschen wird uns in Zukunft ein fröhliches Leben inmitten der Sauer- und Stickstöffler ermöglichen. Robert von Berg