Von Josef Müller-Marein

Da hat also General de Gaulle die Teilnahme eines französischen Vertreters an der "Expertenkonferenz" über das Berlin-Problem, die in diesen Tagen in London hätte stattfinden sollen, kurzerhand abgesagt. Worauf die Konferenz denn platzte, bevor sie noch zusammengetreten war. Und die Gründe für dies wenig höfliche Verhalten, das besonders in England brüskierend gewirkt hat?

Man möge doch aus einem Floh keinen Elefanten machen – so lautet die Tendenz der dürftigen Anmerkungen aus der Umgebung des französischen Staatschefs: Wozu eine "Expertenkonferenz" auf der "Ebene der Staatssekretäre" in London, wo sich doch ohnehin der amerikanische Staatssekretär Foy Kohler in Washington mit den Botschaftern Frankreichs, Großbritanniens und der Bundesrepublik Deutschland in Permanenz über die Entwicklung der Berlin-Krise berät?

Außerdem halte der Staatschef wenig von Expertenkonferenzen. Aber gesetzt den Fall, es käme aus solcher Konferenz etwas heraus – das wäre dann möglicherweise ein "vorfabriziertes München aus der Retorte", ein fertiges Bündel von Nachgiebigkeiten, angeregt durch jenes harte Nein, das Chruschtschows Sendbote Gromyko in den Gesprächen mit Kennedy und seinem Außenminister Rusk, mit Premier Macmillan und seinem Außenminister Home immer wieder vorgebracht habe. Er möchte erst wissen – und da hat er vollkommen recht! – was die Gerüchte über "Kon-Zessionsbereitschaft" der Amerikaner bedeuten. Er möchte einmal schriftlich niedergelegt sehen, welche Vorstellungen die Amerikaner eigentlich hegen. Er will prüfen, ehe er entscheidet. Und auch darin hat er recht.

Im übrigen aber ist das französische Bemühen unverkennbar, die Affäre mit der abgesagten "Expertenkonferenz" zu bagatellisieren. Auch scheint das "Aufgehoben" diesmal nur ein "Aufgeschoben" zu sein. "Le Monde" betont in diesem Zusammenhang, die französische Regierung habe kein Veto dagegen eingelegt, daß zunächst einmal Thompson, der amerikanische Botschafter in Moskau, die Lage sondieren solle; keine Bedenken, obwohl man doch ein wenig mißtrauisch gegenüber den Konzeptionen dieses Diplomaten sei, der für einen Vorkämpfer des "Realismus" gelte. Weiter sondieren, dauernden Kontakt unter den Verbündeten halten: Das ist auch das Pariser Rezept.

Es scheint in der Tat, daß de Gaulle das Prinzip, Festigkeit zu demonstrieren, viel wichtiger ist als die Demonstration westlicher Einmütigkeit. In London freilich – so schreibt "Le Monde" – habe die Haltung der Franzosen un certain sourir hervorgerufen: ein gewisses Lächeln.

De Gaulle überspielt mit großen Gesten die Tatsache, daß Frankreich, das Kernland Europas, international schwach ist, solange der Algerien-Krieg nicht beendet ist. Nicht so, daß seine Aussichten, mit Anstand aus diesem bald acht Jahre dauernden Verhängnis herauszukommen, im Augenblick erbarmungswürdig schlecht wären: Es regen sich eben jetzt allenthalben in Frankreich leise Hoffnungen. Neue Verhandlungen mit der algerischen Exilregierung sind eingeleitet, deren Chef Ben Khedda soeben in der deutlichen Absicht, de Gaulle ein freundliches Wort zu sagen, erklärt hat, er sei als praktizierender Mohammedaner nicht anfällig gegen den Kommunismus.