Dem aus Kinozeiten überlieferten Brauch getreu, die Spielfilme und nicht die Wochenschauen zu besprechen, ist jener Teil des Fernsehprogramms bisher fast unter Ausschluß der Kritik vor sich gegangen, der von der sogenannten aktuellen, der politischen oder der feature-Abteilung betreut wird: die Reportage, der Bericht, die Chronik, die Dokumentation. Überschlägt man die Sendezeiten, so kommt ein ganz erheblicher Prozentsatz des zur Verfügung stehenden Programms heraus, den wenige Kritiker sehen (sehen können), den kaum einer lobt oder tadelt – und den doch Millionen allabendlich verfolgen. Es ist nicht der schlechteste Teil des Programms.

Der Grundstein eines Feriendorfs für Berliner Kinder wird gelegt – das Fernsehen erstattet Bericht. Vor einem halben Jahrhundert starb in Aixen-Provence Cézanne – die Kamera ist nach Südfrankreich geeilt und erweist ihm Reverenz. Die Leute schimpfen über immer mehr Beamte, über das Zeitalter der Bürokratie – Peter von Zahn schickt seine Leute los und nimmt die Bürokraten-Silos in Augenschein. Irgendwo blasen ein paar schwarze Herren die Klarinette jetzt anders als noch vor drei Jahren – Jazz-Spezialist Berendt macht den Leuten mit so abenteuerlichen Namen wie Pee Wee Russell und Ruby Bruff seine Aufwartung.

Die Parlamente, sagt man, werden von Jahr zu Jahr mit mehr Fachaufgaben belastet, von denen Bismarck noch nichts wußte – Eugen Kogon nimmt die Sachlage unter die Lupe. Die neue Sitzungsperiode der UNO zieht, vom Tode Hammarskjölds umschattet und von der Berlinkrise umdüstert, herauf – Thilo Koch fährt hin und sieht sich die Situation von der Nähe an.

Irgendwo am Ausgang des Persischen Golfs trägt ein weltvergessenes arabisches Land den nach Abenteuern und Märchen duftenden Namen „Piratenküste“ – Horst Scharfenberg macht den Wüstenscheichen Visite. Berlins Wassergetier ist neidisch auf die Bevorzugung von Hans Hassens Haien, Paul Eippers Rehböcken und Grzimeks Zebras – der Sender Freies Berlin führt im 2. Programm eine neue Tierreihe ein, in der man nun regelmäßig in Berlins Zoo zu Gast sein wird. Das sowjetzonale Fernsehen baut neue Türme für die Westpropaganda – Peter Schultze setzt mit Thilo Kochs alter Reihe „Die rote Optik“ die Analyse der gegnerischen Propaganda fort. Seit dem Ende des Krieges sind durch Betriebsunfälle mehr Menschen ums Leben gekommen als im Krieg 1870/71 – Ingeborg Euler untersucht die Ursachen und Verhütungsmethoden.

Das alles war in einer Woche – in der letzten Woche – noch „so nebenbei“ auf dem Bildschirm, neben Musiksendungen und Theateraufführungen und Bunten Abenden und Quizveranstaltungen. Man spricht kaum davon, man bringt keine Programmkritik, man redet nicht darüber. Aber man sollte es wissen, wenn man so leicht dahin sagt, daß die Bildröhre ein Verdummungsinstrument und ein Bildberieselungsapparat und ein geisttötender Flimmerkasten sei. Wer sein Programm treu und redlich absolviert, hat nach ein paar Jahren fast Anspruch auf einen akademischen Titel. lupus