Welche Ursachen haben die Klimaschwankungen? Wie entstehen Eiszeiten, Sintfluten und Dürreperioden? Kann man Methoden entwickeln, mit denen sich die Änderungen der Temperaturen für das kommende Jahrhundert vorausberechnen lassen? Greift der Mensch in den klimatischen Rhythmus der Erde ein? Diese Fragen diskutierten Wissenschaftler, die Anfang Oktober zum UNESCO-Kongreß über Probleme der Klimaänderung in Rom zusammenkamen. Professor Emil J. Walter hat sich mit diesen Problemen, besonders mit der Erwärmung des Klimas in den letzten hundert Jahren, ausführlich beschäftigt. Wir veröffentlichen im folgenden Artikel seine wichtigsten Thesen.

Der Transport von Kriegsmaterial und Munition über die Eismeerroute nach Murmansk und Archangelsk war für die Alliierten im Zweiten Weltkrieg kein Problem mehr. Die Grenze des Packeises hatte sich in den zwanzig Friedensjahren nach Norden Zurückgezogen und damit einen Seeweg freigegeben, der noch im Ersten Weltkrieg unbefahrbar war – die Folge einer Klimaänderung, die man an vielen Stellen der Erde seit etwa hundert Jahren festgestellt hat.

Es wird wärmer, und vor allem in den letzten vierzig Jahren sind die mittleren Jahrestemperaturen in immer stärkerem Maße gestiegen. In Eurasien und Nordamerika rückt die polare Waldgrenze in die Tundra vor. Vögel und Pflanzen der Laubwaldgebiete dringen in die Zone der Nadelwälder ein. Fische, die in wärmeren Meeresteilen beheimatet sind, erscheinen jetzt weit im Norden, wo sie früher nicht anzutreffen waren. Nansen hatte noch auf seiner berühmten Polardrift-Expedition mit der „Fram“ in den Jahren 1893 bis 1896 eine Polareis-Stärke von 3,7 Metern gemessen. Als 44 Jahre später die russische Sedow-Expedition in das gleiche Gebiet kam, war die Eisdecke nur noch 2,2 Meter dick. Heute können die Kohlenhäfen von Spitzbergen sieben Monate im Jahr angelaufen werden – um die Jahrhundertwende waren die Gewässer in diesem Gebiet nur drei Monate lang schiffbar.

Beobachtungen, die während des Internationalen Geophysikalischen Jahres im Südpolgebiet angestellt wurden, haben die Annahme erhärtet, daß sich das Klima auf der Erde erwärmt. An der Küste des Kaiser-Wilhelm-II.-Landes hat die Eisdicke, wie sowjetrussische Messungen 1958 ergaben, in den 58 Jahren, seit der deutsche Forscher E. v. Drygalski dort seine Ermittlungen angestellt hatte, um acht Meter abgenommen.

Auch besteht kein Zweifel mehr; daß die Sahara noch nie zuvor so trocken gewesen ist wie jetzt. Jedenfalls erstreckte sich das Mittelmeerklima zwischen dem 6. und 2. Jahrtausend v. Chr. zweieinhalbtausend Kilometer weiter nach Süden. Wo jetzt tote Wüste ist, wuchsen Zypressen, Wacholder und viele andere Pflanzenarten, deren Pollen wir noch heute in den Eingeweiden der Tiere nachweisen können, die in jener Zeit gelebt haben und deren Kadaver uns durch Zufall erhalten blieben.

Wahrscheinlich ist der klimatische Normalzustand der Erde die Nichteiszeit, die völlige Eisfreiheit der Polargebiete. Das zeigt jedenfalls ein Blick auf die Erdgeschichte, aus der nur drei Vereisungen bekannt sind. Seit Bestehen der Erde war es nur selten so kalt wie heute: 95 Prozent der Erdgeschichte waren Zeiten wärmeren Klimas.

Sofern nicht der Rückgang des arktischen und antarktischen Eises künstlich beschleunigt wird, müßte das Abschmelzen der noch vorhandenen Eismassen auf der Erde 20 000 bis 30 000 Jahre dauern, Dabei steigt zwangsläufig der Wasserspiegel um 30 bis 50 Meter, und ausgedehnte Küstengebiete, zum Beispiel in Holland, in Großbritannien, in der Po-Ebene und in Amerika, werden überspült. Der Rückgang der Eisdecke hat seit der letzten Eiszeit den Meeresspiegel bereits um 80 bis 100 Meter gehoben. Korsika, Sardinien und Elba waren ursprünglich miteinander und mit Italien verbunden; ebenso Malta mit Sizilien und Großbritannien mit dem europäischen Kontinent. Das Marmara-Meer war ein Binnensee, Bosporus und Dardanellen waren Flußtäler, und das alte Delta des Nils kann man heute noch viele Kilometer unter dem Meeresspiegel verfolgen.