„Volksvermögen oder Schrotthaufen?“ schrieb die „Fachvereinigung Güterfernverkehr ?. V. Berlin“ über eine Denkschrift, die ein neuer Abschnitt im „Zentimeter-Krieg“ zwischen Bundesverkehrsminister Seebohm und dem Speditionsgewerbe ist. Es geht um den Güterverkehr nach Westberlin, der nicht mehr leistungsfähig ist, wenn Seebohms Verordnungen befolgt werden.

Im Dezember 1952 wurde ein Gesetz verabschiedet, das alle Spediteure und Lastwigenbesitzer hart traf: der bis zu diesem Zeitpunkt übliche zweite Anhänger mußte wegfallen. In einem Gesetz zur Sicherung des Straßenverkehrs wurde die Gesamtlänge eines Lastzuges auf 20 Meter beschränkt. Vorher war es üblich, mit Längen bis zu 22 Metern zu fahren.

„Ich verlange ein großes Opfer“, sagte damals Verkehrsminister Seebohm und versicherte, daß dies das letzte Opfer sein sollte. Es war damals noch nicht lange her, daß die Spediteure mit großen Bankkrediten von vorn angefangen hatten, mit einem Lastwagen und zwei – gestatteten – Anhängern. Nach dem neuen Gesetz mußten sie nun entweder mit nur einem Anhänger fahren oder einen Dreiachs-Anhänger kaufen, der zwischen 20 000 und 30 000 Mark kostet.

Nur mit Hilfe von ERP-Mitteln konnter die Berliner Unternehmer diese Anhänger erwerben. Sie investierten damals etwa 25 Millionen Mark und brachten für Spezialtypen weitere 5 Millionen Mark auf. Es ist klar, daß sich viele Unternehmer bei diesen 1953 bis 1955 vollzogenen Umstellungen stark verschuldeten. 92 vH aller Anhänger in Berlin sind seitdem Dreiachsanhänger mit einer Ladefähigkeit von 16 bis 17 Tonnen.

Die Fernlastzüge bewältigen heute rund 40 vH des Güterverkehrs zwischen der Bundesrepublik und Westberlin. Massengüter werden nach wie vor von der Binnenschiffahrt transportiert. Jede Sperre des Rothensees Schiffshebewerkes läßt jedoch den Anteil der Lastzüge stark anwachsen. Die Sowjetzonen-Reichsbahn kann ihre Ladekapazität kaum steigern, da ihr Wagenpark zu klein ist. Für leichtverderbliche Waren kommt sie wegen des langsamen Transporttempos sowieso nicht in Frage.

Verkehrsminister Seebohm hat sein Versprechen bald gebrochen. Am 21. März 1956 erließ er eine „Verordnung zur Änderung der Straßenverkehrszulassungsordnung und der Straßenverkehrsordnung“, die einschneidendste Bestimmungen für den Güterfernverkehr mit sich brachte. Fernlastzüge sollten künftig nur noch eine Länge von 14 Metern haben, das zulässige Gesamtgewicht wurde von 40 auf 24 Tonnen reduziert. Die vorgesehene Auslauffrist für Lastzüge mit Längen bis zu 20 Metern war recht kurz bemessen: bis zum 1. Juli 1960 sollte die Umstellung erfolgt sein.

Die neue Verordnung hatte aber noch einen weiteren Haken: Eine in letzter Minute eingebaute Zusatzklausel bestimmte, daß das Verhältnis vom Zugwagen zum Anhänger eins zu eins sein sollte. Damit machte der Minister den zuvor von ihm propagierten Dreiachs-Anhänger völlig wertlos. Die Klausel sollte bereits vom 1. Mai 1957 an gelten.