Aber auch die meisten Triebwagen sind nach der neuen Verordnung altes Eisen. Für die Motorleistung der Triebwagen wird eine Leistung von sechs PS je Tonne vorgeschrieben. Das bedeutet: Ein Lastzug mit einer Gesamttonnage von 32 Tonnen muß 192 PS besitzen. Die meisten Wagen haben aber nur 180 PS oder weniger. Sie müssen – bis zum 1. April 1963 – umgebaut oder auch verschrottet werden. Eine Ausnahme für die Auslauftermine wurde nur dem Saarland zugestanden. Hier ist der 31. Juli 1966 Stichtag.

Der Minister für Verkehr verlangt also, daß wertvolle Anhänger, deren Lebensdauer 15 Jahre beträgt, bereits nach acht Jahren auf den Schrotthaufen wandern sollen.

Das Berliner Speditionsgewerbe mit seinem extrem hohen Anteil von Dreiachs-Anhängern ist hiervon natürlich besonders hart betroffen. Es steht zudem vor einem doppelten Dilemma: Einmal ist die Anhängerindustrie kaum in der Lage, bis zum 1. April 1962 genügend kleinere Anhänger – also nur mit zwei Achsen – oder Sattelschlepper zu liefern. Zum anderen müssen aber alle leichtverderblichen Waren mit Fernlastzügen nach Westberlin transportiert werden. Soll diese lebensnotwendige Versorgung nicht gefährdet werden, sind längere Auslauffristen unumgänglich.

Cui bono? fragt man sich immer wieder bei dem „Zentimeter-Krieg“. Wem dient das? Der Sicherheit, sagt das Ministerium. Nun, der Dreiachs-Anhänger gilt in Italien, in Österreich und in den Benelux-Staaten als sehr sicheres Verkehrsmittel. Skeptiker warfen dann auch die Frage auf, ob das Ganze nicht nur dazu diene, die Bundesbahn rentabler zu gestalten?

Fachleute des Güterfernverkehrs, die jüngst auf Studienreisen die USA besuchten, forschten dort Interesse halber, was ihre amerikanischen Kollegen und auch die dortigen Behörden über die Festlegung von derartigen Auslauffristen denken. Die Antwort: Das ist eine Enteigung, die in einem Rechtsstaat undenkbar ist.

Doch all das ficht Verkehrsminister Seebohm nicht an. Er reagiert auf Proteste einfach nicht. Die Fachvereinigung Güterfernverkehr Berlin ‚ die den Minister vor einem Jahr in zwei Briefen auf die besondere Situation dieser Stadt hinwies, wartet noch heute auf Antwort.

Für viele Spediteure besteht nun heute eine groteske Situation: Nach den neuen Verordnungen und Gesetzen ist ihr Dreiachs-Anhänger nur noch dadurch zulässig, wenn der Führer des Lastzuges einen rechtsverbindlichen Kaufvertrag für ein den neuen Maßen und Gewichten entsprechendes Fahrzeug mit sich führt. C. M.