In einem Aufsatz unter dem Titel „Kalter Krieg mit Musik“ bedauert die „Leipziger Volkszeitung“ vom 27. September, daß es in der DDR „Ochsenkopfideologen“ gebe, die folgende Ansicht vertreten: „Ob Beethoven vom Deutschen Demokratischen Rundfunk gespielt wird oder vom westzonalen NDR, ob der Schlager aus Leipzig oder aus München gesendet – hier gäbe es keine Unterschiede: Musik sei gleich Musik.“ Die „Leipziger Volkszeitung“ hingegen meint: „Die Musiksendungen des kapitalistischen Rundfunks haben sehr wohl eine wichtige Funktion: Sie machen Politik für die herrschende Klasse.“ Mit Wohlgefallen zitiert die Zeitung „die Genossen der revolutionären Arbeiter-Radio-Bewegung“, die bereits 1931 „die Rolle der Musik im bürgerlichen Randfunk“ treffend gekennzeichnet haben. Sie schrieben nämlich: „Jeder muß erkennen, daß auch in den Donauwellenwalzern das Gesicht der Bourgeoisie durchsieht. Das wahre Gesicht, das Hirne umnebelt im Dreiviertel- und Jazztakt.“

Weiterhin meint das Leipziger Blatt: „Das skrupellose Geschäft der Manager mit den Bonner Ultras hat bereits einige Kategorien von Schlagern hervorgebracht, die unverhüllt die Politik der Militaristen und Revanchisten verherrlichen.“ Als Beispiel dient der Schlager: „Nur die Sehnsucht ist geblieben, eines Tages werden wir uns wiedersehen“.

Warum? „Solche Machwerke sollen die Flüchtlingspsychose aufrechterhalten, sollen ... den Revanchegedanken rechtfertigen, um zur gegebenen Zeit die Eroberungspläne der Bonner Militaristen zu rechtfertigen.“

Typisch sei auch der Schlager „Morgen, morgen lacht uns wieder das Glück, gestern, gestern liegt schon so weit zurück“.

Was ist daran verdächtig? Die Zeitung meint: „So jubeln die alten Faschisten und Militaristen im Walzerrhythmus über die Sender westzonaler Stationen.“ Zusammenfassend wird über die Musik, die die westdeutschen Sender ausstrahlen, gesagt, daß sie „raffiniert ausgestattetes ideologisches Gift“ sei.

Kollegen aus Leipzig! Ihr habt natürlich gänzlich recht, doch seid ihr noch nicht wachsam genug. Auch die Opern werden von den Bonner Ultras und Militaristen zu ihren schmutzigen Zielen mißbraucht. Es ist doch etwas anderes, ob der gleiche Text in Dresden oder in Köln gesungen wird. Wenn Lohengrin in Bayreuth „In fernem Land unnahbar euren Schritten“ singt – ist das nicht antisowjetische Hetze? Daß die Arie des alten Germont aus der „Traviata“ („Hat dein heimatliches Land keinen Reiz für deinen Sinn?“) im Westen Flüchtlingspsychosen aufrechterhalten soll, ist doch wirklich klar.

Cavaradossis „Und es blitzten die Sterne, und es dampfte die Erde“ aus Puccinis „Tosca“ – ist das nicht eine schauderhafte Kriegsverherrlichung? Die Stretta aus dem „Troubadour“ – „Lodern zum Himmel seh ich die Flammen“ – dient doch offensichtlich den Militaristen, um kriegslüsterne Gefühle hervorzurufen! Wenn „Carmen“ in Essen (Krupp!) aufgeführt wird, so haben die Worte „Auf in den Kampf, Torero! Stolz in der Brust! Siegesbewußt!“ ihren unmißverständlichen politischen Sinn! Ist das Boheme-Duett „Ach, Geliebte! Nie kehrst du mir wieder!“ nicht gegen die Friedensmauern in Berlin gerichtet?