Die Ankündigung der Klöckner-Werke AG, für das Geschäftsjahr 1960/61 (30.6.), wieder eine Dividende von 12 vH zahlen zu wollen, hat in den Börsensälen keinerlei Eindruck gemacht. Man weiß nur zu gut, daß die Dividendenfestsetzung eine Ermessungsentscheidung der Verwaltung ist und daß der erzielte Gewinn – wie auch im vergangenen Jahr – eine sehr viel höhere Ausschüttung zugelassen hätte. Bei der Kursbildung spielt nicht die Dividende die erste Rolle, sondern die allgemeine Geschäftslage der Eisen- und Stahlindustrie. Diese wird nun einmal durch rückläufige Auftragseingänge und durch Produktionseinschränkungen gekennzeichnet. Dabei tröstet es die Aktionäre nur wenig, wenn es in den Meldungen über diese Dinge heißt, daß von Entlassungen Abstand genommen worden ist. Vom Standpunkt des Aktionärs sieht es so aus: Rückläufige Erträge bei gleichbleibenden Personalkosten! Wenn von maßgeblichen Vertretern der Stahlindustrie die laufenden und künftigen Investitionen mit einer zuversichtlichen Beurteilung der langfristigen Absatzaussichten begründet werden, dann ist die Börse allerdings nicht bereit, diesen Optimismus bereits heute zu honorieren.

An die niedrigen Montan-Kurse hat sich die Börse augenscheinlich gewöhnt. Sie streben erneut ihrem bisher tiefsten Stand zu, der im August erreicht wurde. Damals ging es ruckartig nach unten, so daß man die berechtigte Hoffnung auf eine kräftige Reaktion haben konnte (sie ist dann auch eingetreten). Heute ist die Situation anders. In den letzten Wochen litten die Eisen- und Stahl-Aktien unter einem schleichenden Kursschwund, sozusagen an einem chronischen Leiden, das nicht so rasch zu beseitigen sein wird. Es gibt nicht mehr sehr viele Banken, die ihren Kunden Montan-Aktien zu empfehlen wagen. Wenn sie es tun, dann weisen sie meist darauf hin, daß man Montan-Aktien nur aus Rendite-Erwägungen kaufen kann. Aussichten auf rasche Kursgewinne werden ihnen kaum zugesprochen.

Zu den Papieren, die sich in den letzten Tagen ihrem Juli-Tiefstand wieder genähert haben, gehören auch die VW-Aktien, bei denen sich kleinere Verkaufsaufträge zusammenballen. Ihnen steht keine ausreichende Aufnahmebereitschaft gegenüber. Die deutschen Investment-Fonds haben sich genügend eingedeckt, die Kaufneigung ausländischer Gruppen ließ offensichtlich nach. Viele Ausländer sind zu hohen Kursen in die VW-Aktien gegangen, natürlich in der Hoffnung, hier zu raschen spekulativen Erfolgen zu kommen. Die Berlin-Baisse hat ihnen einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Einige private Anlageberater empfehlen rundheraus, auf der gegenwärtig gedrückten Basis noch die Hälfte des jeweiligen Bestandes abzustoßen. Sie sehen zur Zeit nur geringe Chancen für eine Kurssteigerung. Dabei gehen sie davon aus, daß der Abgabedruck hier vorerst noch weiter anhalten wird und daß vom Werk selbst keine Sensationen zu erwarten sind, die eine Heraufsetzung des Kurses unumgänglich machen würden.

Diese etwas pessimistische Betrachtungsweise soll jedoch nicht den Eindruck hervorrufen, daß in den Börsensälen einmal wieder grau in grau gemalt wird. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Im Grunde wollen viele Leute kaufen. Sie warten auf "schwache Tage". Kommen sie tatsächlich, dann wird es sich zeigen, wie viele dieser Kaufwilligen dann den Mut aufbringen, ihre Bereitschaft in Kaufaufträge umzusetzen. Kurt Wendt