Es könnte sein, daß es den Parteifunktionären von Kasachstan wieder ans Leder geht. Schon im vorigen Jahr waren sie die Sündenböcke, die für die Mißernte von 1959 büßen mußten. Aber in jenem Jahr erntete man immerhin noch 9,1 Doppelzentner pro Hektar, während die diesjährige Ernte statt der geplanten 11 nur 7 Doppelzentner pro Hektar erbrachte. Damals mußten hohe Funktionäre, unter ihnen Kiritschenko, Mitglied des Präsidiums des ZK und seit vielen Jahren enger Vertrauter Chruschtschows, ihre Posten verlassen. Dabei ist es der Kremlherr selber, der die Hauptverantwortung trägt.

Kasachstan gehört zu seinen Lieblingsprojekten: „Neuland unter den Pflug!“ Rund 40 Millionen Hektar Land wurden seit 1953 neu erschlossen, gegen den Rat vieler seiner Landwirtschaftsexperten, die einer intensiveren Bearbeitung der alten Agrargebiete den Vorzug geben wollten. Die Rekordernte von 1956 in Kasachstan hatte, so schien es, Chruschtschows Plänen recht gegeben.

Als Adenauer während seines Besuchs in Moskau beiläufig fragte, wie wohl die Welt in hundert Jahren aussehe, antwortete ihm Chruschtschow selbstbewußt, daß keiner die Sowjetunion hindern kann, die Zukunft nach den Lehren von Marx zu gestalten, denn „uns steht der Wind nicht ins Gesicht“.

Aber gerade der Wind ist es, der Chruschtschows ehrgeizige Neulandpläne zunichte macht. Heftige Staubstürme verwehen die flach gepflügte Bodenkrume, Unkraut überwuchert die Felder, so daß die Ernte von 1960 noch schlechter ausfiel als die von 1959, es wurden nur noch 8,4 Doppelzentner pro Hektar geerntet. Der Parteisekretär versuchte, dieser Katastrophe durch eine Zusammenlegung der wichtigsten Gebiete Kasachstans Herr zu werden. Er schuf eine neue selbständige Region – Zelenny Krai –, unterstellte sie direkt Moskau und beschickte sie mit besonderen Fachleuten.

Es half nichts, der Plan wurde auch in diesem Jahr – 1961 – nur zu 60 vH erfüllt. Die Skeptiker und Kritiker seiner Landwirtschaftspolitik scheinen also doch recht zu behalten, denn auch Chruschtschow wird ernstlich dieses Fiasko nicht allein dem trockenen Sommer zur Last legen können, so gern er es möchte. H. K.