Von Walter Jens

Einer der Höhepunkte der Buchmesse für literarisch besonders Interessierte liegt gleich am Anfang: die Eröffnungsrede. Manchem sind solche Eröffnungsreden von den Buchmessen vergangener fahre deutlicher als alles andere in Erinnerung geblieben: Rudolf Hagelstange, Max Frisch, Werner Weber... Es zeugt für das Prestige, das sich Professor Walter Jens nicht nur als Autor, sondern in den letzten Jahren auch vor allem als Kritiker erworben hat, wenn der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in diesem Jahre ihn aufforderte, diese Eröffnungsrede zu halten. Die Kombination klassischer Philologe (solide und gewissenhaft) – Schriftsteller (in Neuland vorstoßend) – Kritiker (der Polemik offen) ist naturgemäß Angriffen von allen Seiten ausgesetzt. Vielleicht finden wir sie gerade deswegen so glücklich. Vielleicht sind wir gerade deswegen so froh, Walter Jens zu unseren Mitarbeitern zu zählen. Seine hier abgedrucke Eröffnungsrede wäre uns in jedem Falle mitteilenswert erschienen.

Ein Künstler! erträgt keine Wirklichkeit, er blickt weg, zurück – diese berühmte, von Nietzsche geprägte und von Camus an erlauchter Stelle des L’homme révolté“ zitierte Sentenz scheint heute ins Schwarze zu treffen.

Es ist alles im Fluß, die industrielle Revolution nivelliert das Bewußtsein der Menschen – aber die Dichter sprechen von Troja. In Ghana, Brasilien und Griechenland, an der Frankfurter Zeil und in Montevideo entstehen die gleichen Bauten und Apparaturen; Kommunikations-Medien verrinringern die Spanne zwischen Offenbach und Elisabethville auf die Maße einer vertrauten Distanz. Aber demonstriert das die Dichtung?

In Marl steht ein einsamer Mann am Kontrolltisch und wartet auf das Erglühen der Lampen: ein Arbeiter, dem die Devise „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ so fern ist wie eine Parole der Metternich-Ära. Doch zeigt die Poesie diesen einsamen Mann?

Während man hier den Ausschlag der Geigerzähler verfolgt und die Elektronengehirne Nachrichten speichern, stehn andernorts Rotraut und Gretchen am Brunnen, marschieren Schützen-Brüder, gehen Bauern in der Leonhardi-Prozession, grüßen die verkleideten Chargierten ihren Oberhirten an den Stufen des Doms. Doch wo finden wir diesen Gegensatz in der Dichtung gestaltet?

In Sekundenschnelle tanzt die Zeit von einem Jahrhundert ins nächste, zeigt viel Vergangenheit und sehr viel Zukunft, verbindet Romantik und Kälte, lädt Feuer und Wasser zur Kommunion ein, schminkt den Tod, vernichtet die Seuchen, erforscht den Himmel und öffnet dem Aberglauben das Tor und die Tür. Die Poesie aber sagt davon nichts.