Die Kaltenbrunner-Berichte – Zum Thema verlegerischer Verantwortung

Jetzt wird sich der Verleger Heinrich Seewald die Hände reiben und denken: Nun habe ich sie alle überlistet, die mich mit ihren kleinlichen Bedenken daran hindern wollten, die „Kaltenbrunner-Berichte über das Attentat vom 20. Juli 1944“ noch in diesem Herbst herauszubringen. Triumphierend wird er das 600 Seiten starke Werk auf der Buchmesse in Frankfurt ausstellen.

Warum er triumphiert, das soll (bevor einer der führenden deutschen Historiker Professor Hans Rothfels das Buch bespricht) hier erzählt werden, denn diese Veröffentlichung hat eine höchst ungewöhnliche Vorgeschichte. Mitte Juli dieses Jahres war ich eines Abends bei Bekannten in Bonn eingeladen. Verschiedene Leute waren zugegen, die man gemeinhin wohl als Intellektuelle bezeichnen würde. Darunter auch Dr. Heinrich Seewald, ein Verleger aus Stuttgart. Als das Gespräch im Verlauf des Abends auf das Thema „Einstweilige Verfügungen“ kam, konnte der smarte Verleger sich die Bemerkung nicht versagen, auch er habe eine ungewöhnliche Publikation für diesen Herbst vorgesehen. Man könnte nämlich jetzt, so deutete er vielsagend an, allerlei Dinge käuflich erwerben, interessante Dinge... Mehr wolle er nicht sagen, man wisse ja, da gäb’s Leute, die seien mit einstweiligen Verfügungen rasch bei der Hand. Aber dann fügte er doch noch dies hinzu: Von dem, was er herausbringen wolle, existiere in Deutschland nur ein Exemplar, „und das liegt beim Innenminister Schröder im Panzerschrank“. Sieh mal einer an, was das für ein Kerl ist, dieser Seewald, dachten bewundernd die staunenden Zuhörer.

Sie staunten, aber, sie schwiegen. Niemand tat dem renommierenden Verleger den Gefallen, zu sagen: „Ach, erzählen Sie doch.“ Das Gespräch glitt über zu politischen Fragen und kehrte zum Ausgangspunkt nicht mehr zurück. Erst als alle anderen Gäste gegangen waren und der Hausherr den Verleger und mich hinuntergeleitete, fragte jener: „Sagen Sie, was ist denn das für eine Publikation, von der Sie vorhin sprachen?“

„Das sind die sogenannten Kaltenbrunner-Papiere, also die Berichte der Gestapo über den 20. Juli, so wie sie für Bormann zusammengestellt wurden.“

Die Gestapo über den 20. Juli 1944 – das ist ungefähr so, als wollte man Aufschluß über den 13. August 1961 in Berichten der Volkspolizei Walter Ulbrichts suchen! Darum meine Frage: „Da haben Sie doch sicher eine ganze Kommission von Sachverständigen darangesetzt, um die Spreu vom Weizen zu sondern, vergleichende Kommentare anzubringen und Anmerkungen

„Nein, nicht eine ganze Kommission, aber ein bedeutender Historiker namens K. H. Peter besorgt die Herausgabe.“ K. H. Peter, ein bedeutender Historiker? Ich hatte diesen Namen nie gehört, kein Wunder, denn wie sich herausstellte, handelte es sich um einen Diplom-Bibliothekar.