In der abgelaufenen Woche hat es ziemlich heftige Debatten darüber gegeben, ob die Börseneinführung der Pschorrbräu-Aktien in München richtig gehandhabt wurde oder nicht. Die Brauerei war bisher ein reiner Familienbetrieb. Sie hat jetzt eine Kapitalerhöhung durchgeführt, und zwar um 0,2 Mill. DM auf 4,6 Mill. Die jungen Aktien wurden über die Börse „bestmöglichst“ verwertet. Einige Besitzer „alter“ Pschorrbräu-Aktien hatten sich bereitgefunden, wenige Stücke gegen „neue“ zu tauschen, um über die Börse auch alte Pschorrbräu-Aktien anbieten zu können. Es konnte aber von vornherein kein Zweifel darüber bestehen, daß nur ein relativ geringer Betrag zum Verkauf gestellt wurde. Die Gefahr von Knappheitserscheinungen lag also in der Luft.

An der Börse muß man stets auf Überraschungen gefaßt sein. Man kann zwar aus Erfahrungen lernen, aber man darf nicht einfach unterstellen, daß mehrfach auf dieselbe Art und Weise Geld zu verdienen ist. Auch die Gegenseite wird nämlich aus Erfahrungen klug.

In letzter Zeit hatte es sich stets als richtig erwiesen, bei jeder Aktienneueinführung „dabei“ zu sein. Das neu in den Handel gebrachte Papier pflegte rasch zu steigen, so daß sich schnell Gewinne kassieren ließen. Das war nicht nur bei den beiden Volksaktien Preussag und VW so, sondern auch bei Papieren, die frei von jeder sozialen Rücksichtnahme verkauft werden konnten.

Nach der konservativen Einstellung ist es empfehlenswert, eine neue Aktie so einzuführen, daß ihr Kurs nach menschlichem Ermessen sofort steigen muß. Man bewilligt einen „Einführungspreis“. Kurz: Es geht um den guten Eindruck! Der neue Aktionär soll Freude an seinem Papier haben und nicht schon in den ersten Tagen und Wochen Geld daran verlieren. Die einführende Aktiengesellschaft will sich am Kapitalmarkt einen guten Ruf verschaffen, denn sie hat ja ohne Zweifel die Absicht, ihn künftig in Anspruch zu nehmen. Und weil das so ist, gelten neu einzuführende Aktien für die Spekulation als besonders interessant. Sie sind sozusagen „Selbstgänger“.

Diese Vorstellung begann jedoch schon anläßlich der Aktieneinführung der Investitions- und Handelsbank (Münemann-Aktien) Risse zu erhalten. Beabsichtigt war seinerzeit, diese Papiere erstmals zu einem Kurs von 300 vH in den Handel zu bringen. Auf Grund der ungewöhnlich großen Nachfrage entschloß sich die Bank dann, den Kurs auf 330 vH heraufzusetzen. Aber auch auf dieser Basis mußte sie scharf zuteilen. Nur ein Zehntel der Aufträge wurde befriedigt. Der Kurs stieg dann noch zwei Tage, aber dann ging er wieder rückwärts. Heute liegt er bei 330 vH. Nur wer rasch wieder verkauft hat, kam hier auf seine Rechnung. Immerhin haben die Käufer des ersten Tages bislang kein Geld verloren. Das ist in dieser Zeit schon ein Erfolg. Der Investitions- und Handelsbank ist es gelungen, die Spekulation abzuschütteln; sie kann jetzt ihre Aktien dort placieren, wo sie ursprünglich wollte. Nämlich bei den großen Versicherungsgesellschaften, mit denen ihr Großaktionär Münemann zu arbeiten pflegt.

Bei den Pschorrbräu-Aktien ist die Spekulation gleich vom ersten Tag an hereingefallen. Die übliche Raketenbewegung blieb aus. Entgegen den sonstigen Gepflogenheiten entschloß man sich hier zu einem sehr hohen Einführungskurs. Er betrug 1025 vH und dürfte von den wirtschaftlichen Realitäten her kaum zu rechtfertigen sein. Für 1959/60 hat die Pschorrbräu AG eine Dividende von nur 10 vH ausgeschüttet. Die Nachfrage war so groß, daß die Aktien am ersten Tag verlost werden mußten. Es kann mit Recht bezweifelt werden, daß es sich alles um „echte“ Kaufaufträge gehandelt hat. Nachdem die Investitions- und Handelsbank am Einführungstag scharf zugeteilt hatte, sind bei Pschorr viele Aufträge in einer Höhe erteilt worden, die sicherstellen sollte, mit einem möglichst großen Betrag berücksichtigt zu werden.

Der Kurs von 1025 vH bot keine Aussichten auf nennenswerte Kurssteigerungen. Daher erfolgte auch keine zweite Kaufwelle. Im Gegenteil, wer Stücke zugeteilt erhielt, versuchte sich so schnell wie möglich wieder von ihnen zu trennen. Die Folge wir, daß der Kurs schon am nächsten Tag um 50 Punkte zurückfiel. Am Wochenende war er bereits auf 945 vH gesunker.