Iphofen, im Oktober

Eingeladen hatte mich die Monarchin dieses Landstriches, Maria, die fränkische Weinkönigin auf Zeit. Ein zwanzigjähriges Mädchen aus dem Weinberg ihres Vaters, der in Iphofen am Steigerwald eine Winzerei betreibt. Ich war schon lange neugierig auf das Bocksbeutelland. Dort mußten, so erwartete ich, andere Gesetze gelten als in den Bier- und Selterswassergegenden, den Cocktail-Imperien und Sekthochburgen.

Zu meinen Studien traf ich spätabends ein, als die letzten Winzer ihre Weinberge verließen und mit Traktoren und müden Pferden in die Mauern ihrer kleinen Stadt zurückkehrten, bereit, die Mühe gegen den Genuß zu vertauschen, der Flasche zuzusprechen, die täglich Dichtervater Gleim trank und wer nicht alles noch. Die Majestät empfing mich gnädig, sie versprach sofort eine Weinprobe, zu der wir allerdings über Land fahren mußten, ins berühmte Volkach am Main, zu Zechern, die seit Mittag probierten und unser Eintreffen erwarteten.

Die Königin vertauschte noch im Wagen das Kopftuch mit der Krone, die Handtasche mit dem Szepter, dann umfing uns jene merkwürdige Luft der Zecherei. Unsere Königin wies mir einen Platz unter den Honoratioren zu, einigen Präsidenten, Bürgermeistern und anderen Experten der Bocksbeutellagen. So mischten wir uns in ihre Gespräche, die im Laufe der Nacht in jene Stottersprache übergingen, die so wundersam eine Gesellschaft ziert, der die Weinrebe ins Blut gedrungen ist. Der Saal glich einem verlassenen Vergnügungspalast, als wir endlich aufbrachen. Die Weinkönigin hatte einen Präsidenten bewegt, uns in die Rödelseer Keller zu führen, nachts noch, angesichts rasender Blitze und gewaltigen Donners, eine Unwetterkatastrophe, gegen die uns das Weinkosten freilich schon immun gemacht hatte. Wir fanden, im Wagen durch Regenfluten segelnd, daß der Mensch nur geringer Hilfe bedarf, um aus dem Bereich wahrscheinlichen Ungemachs zu entfliehen. Er ist zugänglich jeder Chance, zu entwirren, was ihn ärgert, kleine und große weltpolitische Ungelegenheiten eingeschlossen.

Im Keller zu Rödelsee fanden wir uns alle wieder, auch die Zecher mit nun schon verglastem Auge hatten ihn nicht versäumt. Dort hielt uns der Kellermeister eine jener, Ansprachen, von deren Würze sich alle im öffentlichen Leben tätigen Zeitgenossen beflügeln lassen sollten, die arm sind an Weingeist. Er verteidigte mit komischer Anmut die Grenzen des Bocksbeutellandes, die große Würde eines Landstriches, der Autonomie gebühre nicht nur auf der Weinkarte, sondern auch beim Volke. Er feierte die Monarchie, der man sich anvertraut habe, ohne Bonn um Erlaubnis anzugehen. Man habe sich allerdings gegen Alterserscheinungen bei den Königinnen dadurch versichert, daß man ihnen nur zwei Jahre unter der Krone zubilligte. Er stellte das Parlament freier Männer, nur dem Fraktionszwang ihrer Weinlagen Untertan, heraus, von dem sich der Bundestag noch etwas Größe absehen könnte. Zuletzt ergriff er die Weinkönigin, ließ sie schmecken, was in den gewaltigen Lagern der Bocksbeutelverteidigungsbemühungen lagerte. Wir folgten ihrem Beispiel, allerdings schütteten wir nicht, wie die Majestätische, den größten Teil des Bechers unter die Fässer, sondern den Schlund hinunter, wobei wir kauende Bewegungen andeuteten, damit dem Probieren Reverenz erwiesen würde. Am Ende nahm man mich auf in die Gefolgschaft der Bocksbeutelländler. Die Königin mußte mir den Ritterschlag versetzen, einen Kuß auf die Backen.

Stunden später fand ich mich, Kilometer entfernt von Rödelsee, in jenen Iphofener Betten wieder, die dazu dienen, den alten und neuen Bürgern Bocksbeuteins die Kraft zu neuem Beginn zu schenken.

Nie hätte ich zurückgefunden in die Wirklichkeit, die doch unvergleichlich häßlicher ist als die Unwirklichkeit der Bocksbeutelritterschaft, wenn nicht anderntags die Majestät mir Bier vorgesetzt hätte und mich ins längst vergessen scheinende bürgerliche Leben zurückrief. Dieses Bier sei, so erzählte sie, im Hause ihres Vaters gebraut, die Rechte hierzu seien seit Jahrhunderten verbrieft. Da gab ich ihr den Ritterschlag zurück und suchte das Weite.

Aber wer kann wissen, ob ich nicht morgen wieder in das Bocksbeutelland, jene wunderliche Landschaft am Main, zurückkehren werde, um dort erneut, reumütig, den Ritterschlag zu begehren und der bierbrauenden Weinkönigin meine untertänigste Lust an Kellerproben zuzuflüstern bis ans Ende der Welt? Wolfgang Paul