über 10 000 Zuschauer waren am Wochenende in die Berliner Deutschland-Halle gekommen, „nur“ um einige Tanzpaare zu sehen. Allerdings tanzten sie auch im Wettstreit um den Großen Preis von Europa. Ebenso wie der Eiskunstlauf lockt der Turniertanz immer größere Zuschauermengen an. Kein Wunder also, daß auch die „Koordinatoren“ des Fernsehens dieser geglückten Mischung aus Sport und Tanz, Kraft und Eleganz, so gewogen sind.

Als Sportbundpräsident Daume kürzlich in Bremen, natürlich in „tadellos sitzendem Frack“, das silberne Lorbeerblatt des Bundespräsidenten einem deutschen Tanzpaar überreichte, war das Erstaunen groß. Das Lorbeerblatt aus Silber soll ja nur für besonders sportliche Leistungen verliehen werden. Frack und Abendkleid können aber nun nicht gerade als idealer Sportdreß, ein Publikum bei Sekt und Wein nicht als typisch sportlich angesprochen werden. Aber immerhin tanzt dieses Publikum selbst in den Pausen. Seit 1953 ist die Streitfrage Tanz als Sport entschieden. Damals wurde nämlich der Deutsche Amateur-Tanzsport-Verband als Mitglied in den Deutschen Sportbund aufgenommen.

Trotzdem gibt es heute noch Sportfunktionäre, die meinen, daß sich hier nur einige Paradiesvögel in das rauhe Klima des Sports verirrt hätten. Aber es sind die Turniertänzer selbst, die geradezu hartnäckig darum kämpfen, als echte Sportler angesehen zu werden. Wie sympathisch, wenn man daran denkt, wie manche Gymnastikschulen mit ihrem verschwommenen weltanschaulichen Oberbau sich nicht genug vom Sport distanzieren können.

Tatsächlich hat wohl erst die Messung der Leistung die unerbittliche Härte in den Sport gebracht. In der Palästra, der antiken Sporthalle, wurde noch die Flöte geblasen, weil damals die Musen den Athleten noch zuschauten. Im Turniertanz ist wie beim Eiskunstlauf und Eistanz jene Mischung von Sport und Tanz geglückt, die der „deutschen rhythmischen Gymnastik“ bisher versagt blieb, die aber den Russen mit der Anlehnung an das Ballett gelang. Den Ehrgeiz, als Künstler zu gelten, haben die Turniertänzer nicht, obwohl es die beiden großartigen deutschen Tanzpaare Breuer und Bernhold, die fast Tag für Tag üben, sicher in hohem Maße sind. Früher bestanden ja solche Ambitionen in jenen Sparten des Sports und Turnens, die sich der exakten Messung entziehen und auf eine Bewertung angewiesen sind. Die Namen sagen es: Kunstturnen, Kunstspringen, Eiskunstlauf.

Aber Sportler, wenn auch in Frack und Tüll, wollen die Turniertänzer sein. Aber tragen nicht auch die Eisballerinen wenigstens eine Andeutung des Ballettröckchens. Ja, selbst die langen Hosen der Geräteturner sind heute nur noch fürs Auge der Zuschauer und Punktrichter bestimmt.

Die Turniertänzer weisen gern darauf hin, daß die Teilnehmer an einem Turnier oft mehrere Pfund Körpergewicht verlieren und daß die Leistung dabei einem 400-m-Lauf entspricht. Dieser Vergleich stimmt allerdings nicht ganz, denn die Kontrolluhr des menschlichen Herzens erreicht beim 400-m-Lauf zwischen 190 und 200 Schläge, während es beim Turniertanz „nur“ 165 sind. Bei den diesjährigen Weltmeisterschaften in London mußten die sechs Teilnehmer in der Endrunde die fünf Tänze zu je drei Minuten hintereinander ohne Pause absolvieren. Das entspricht, wenn schon dieser Vergleich angestellt werden soll, einem 5000-m-Lauf. Denn Läufer und Tänzer haben bei gleicher „Arbeitsdauer“ ungefähr die gleiche Herzfrequenz. Selbst ein hervorragender Sportler wie Jürgen Bernhold, der Deutscher Juniorenmeister im Zwölfkampf der Turner war, hatte, wie er uns erzählte, in London „Konditionsmängel“. Gerade er ist ein schönes Beispiel, wie gut sich Sport und Tanz miteinander vereinen können.

Wer es noch nicht wußte, sollte sich die „Premiers danseurs“ des Bolschoi – Balletts einmal ansehen. Lapauri, der Partner und Mann der Strutchkowa, eine der Aspirantinnen für den höchsten Titel der „Prima Ballerina assoluta“ – ist ein Vollblut-Athlet, genau wie Jürgen Bernhold.