Jetzt verstehen auch die Engländer diese Welt nicht mehr. Denn eine der ehrwürdigsten Einrichtungen englischen Lebens droht der EWG zum Opfer zu fallen. Da nach dem Anschluß an dieses Wirtschaftsbündnis mit erhöhter Konkurrenz der kontinentalen Partner zu rechnen ist, will die Schwerindustrie mit allen Mitteln das Arbeitstempo steigern, und sie beauftragte Leistungsexperten, dieses Problem zu lösen. Sie nun erkannten die englische Teepause als die Wurzel aller zeitraubenden Übel und schlugen vor, sie abzuschaffen.

Die Teepause ist jedoch eine sakrosankte Einrichtung englischen Lebens; sie wird in allen Bevölkerungsschichten zelebriert. Zweimal täglich; um elf Uhr vormittags und so um vier herum am Nachmittag, stoppen die Räder und jegliche Tätigkeit in England. Wenn man genau hinhört, kann man zu diesen Zeiten über ganz England deutlich das Geklapper von Abermillionen von Teetassen hören. Selbst der Straßenverkehr flaut sichtlich ab, und die Fahrer, die gerade unterwegs sind, sehen sich nach der nächsten Teestube um. Bei diesem Tee-Ritual senkt sich ein leichter Trancezustand über sämtliche Inselbewohner, ob sie nun ihren Tee aus einem Blechbecher trinken oder hauchdünne Teetassen zierlich in der Hand halten. Beim Erscheinen des Teetabletts werden in der City auch die wichtigsten Finanzverhandlungen abgebrochen; in den Fabriken stehen die Fließbänder still, während die Arbeiter in den Kantinen sitzen und jede Hausfrau horcht, ob der Teekessel schon summt.

Nun soll das alles anders werden. Heiligste Sitte soll aufgegeben werden, und das ist so, als ob den Deutschen das Weihnachtsfest von Amts wegen verboten werden sollte. Die Widerstände ließen deshalb auch nicht lange auf sich warten. So drohte die Belegschaft der Fordwerke sofort mit einem Streik, falls diese barbarische Maßnahme wirksam werde. Das Versprechen der Direktion, der Tee werde künftig den Arbeitern direkt an den Arbeitsplatz gebracht, nur müsse die zeitraubende Kantinen-Pause unterbleiben, war wirkungslos.

Auch im Baugewerbe und anderen Industriezweigen ganz Englands werden Streiks angekündigt, um die liebe Teepause, das Fundament englischen Lebens, zu erhalten. Agitatoren wettern gegen die EWG und sehen schwarz in eine teepausenlose Zukunft. Lange Demonstrationszüge marschieren ins Regierungsviertel in Whitehall mit Spruchbändern, die in mehr oder minder ergreifenden Worten die Erhaltung der Teepause fordern – von der simplen Parole: „Laßt uns unsere Tasse Tee“ bis zur politischen Prophezeiung: „Ohne Teepause herrscht Anarchie!“ Für die Demonstrationen wurde sogar extra ein Marschlied gedichtet und vertont – und die Termine der Märsche wurden natürlich so gelegt, daß die Demonstranten nicht gerade zur Teepause der Herren Minister eintrafen.

Die Minister stehen jetzt vor der Entscheidung, ob man nicht die ganze EWG fallenlassen sollte, oder – wie ein findiger Kopf vorschlug – ob man versuchen solle, die Teepause auch auf dem Kontinent einzuführen. Nieter O’Leary